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Der Weltrekord-Lauf an der Weser
Hobbyläufer schaffen erstmals einen Marathon unter zwei Stunden

Bericht zum 1. Zeit-Sprung-Marathon, 31. Oktober, Bremen-Vegesack
von Sebastian Lüning, insellaeufer.de

Eine laue Herbstnacht im Oktober. Eine Nacht wie geschaffen für die Verbesserung des Marathon-Weltrekords, den Paul Tergat mit 2:04:55 bis dahin gehalten hatte. Der Ort des womöglich historischen Weltrekordversuchs ist Bremen-Vegesack, früher bekannt als Hafen für Auswandererschiffe nach Amerika und Werften. Auf der Weserpromenade, der sogenannten „Maritimen Meile“ ist eine ein Kilometer lange Pendelstrecke abgesteckt, die über vierzig Läufer einundzwanzig mal zu absolvieren haben, bevor sie das rettende Ziel erreicht haben werden. Eine rhythmische Bewegungsform, die im Prinzip das Fahrtmuster der nahen Weserfähre zum Vorbild hat, die rastlos und in einem fort pendelt; von Vegesack nach Lemwerder, von Lemwerder nach Vegesack, von Vegesack nach…

Die Strecke ist gut beleuchtet, sauber asphaltiert; nur kurze Kopfsteinpflasterpassagen rütteln die Füße und Knie durcheinander. Wegen der überschaubaren Teilnehmerzahl gibt es auch keine Probleme beim Überholen oder mit dem läuferischen Gegenverkehr. Nur zweimal im ganzen Rennen verirrte sich ein unbeleuchtetes Fahrrad auf die Strecke, mit zwei heranwachsenden Personen reichlich überbesetzt.

Der Start des als „Zeit-Sprung-Marathon“ annoncierten Laufes findet kurz nach ein Uhr morgens statt. Es dauert ein bisschen, bis in der Dunkelheit der Startstrich gegenüber Haus 39 gefunden ist. Deutlich stechen aus der Masse der Läufer die Leibchen des 100-Marathon Clubs hervor. Die Karawane der Marathon-Vielstarter machte augenscheinlich diese Nacht in Bremen Station. Eine Welt der skurrilen Typen: Einer läuft bei geschätzten 10 Grad und später einsetzendem Nieselregen mit bloßem Oberkörper, einer mit Babyjogger und Kind - und einige von ihnen nahmen den Zeit-Sprung nur als Aufwärmtraining für das „Hauptgericht“ einige Stunden später. Nach absolvierten 42 km an der Weser schwangen sich letztere schleunigst in ihre fahrbaren Untersätze, um an den Main zu düsen. Denn hier rief bereits um elf Uhr morgens der Frankfurt City Marathon.

Startschuß. Der Beginn des Rennens ist fulminant. Ein dänischer Laufkollege sprintet voraus. Will er noch die Fähre nach Lemwerder kriegen oder muß auch er auch nach Frankfurt? Nach einer Runde lässt er jedoch los, wird später mehrfach überrundet. LG Bremen-Nord Clubkollege Frank Themsen und meine Wenigkeit führen die Marathon-Rasselbande vierzehn Runden in bewährter Zweisamkeit wie im letzten Mai auf Helgoland gemeinsam an. Der Frank, der vor kurzem noch den dritten Platz beim Ballermann Marathon auf Mallorca erreichte, sich aber augenscheinlich noch nicht wieder auf das rauhere norddeutsche Klima einstellen wollte. In kurzem Höschen und kurzem Shirt zischt er durch die Nacht, begleitet von mir in langen tights, langärmligem Shirt, Wintermütze und Handschuhen. Es muß interessant ausgesehen haben. Nach der Hälfte des Rennens schmiß dann auch ich die Winterausrüstung auf meine Tasche, da die Maschine langsam zu überhitzen begann.

Die Runden tickerten langsam dahin. Wohl dem, der eine Sportuhr mit Rundenzählfunktion hat. Oder jemanden neben sich laufen hat, der so eine Funktion hat, was sogar noch besser ist. Denn psychologisch ist es auf jeden Fall ratsam, die erste Hälfte des Rennens gar nicht mitzuzählen, da das Runden-Restpensum eher abschreckend wirken kann. Spätestens nach 10 Runden kennt man jede Kurve, jede Bodenunebenheit, und jeden Zuschauer beim Namen. Das beste Mittel gegen die Monotonie ist Plauderei mit dem Mitläufer – sofern man gerade einen greifbar hat. Ein großer Vorteil des Pendelkurses ist aber, dass man immer ziemlich genau weiß, wo die Konkurrenz läuft. Im Achtminutentakt können die Abstände überprüft und im Geiste mathematische Entwicklungskurven geplottet werden. Alle Hochrechnungen ergeben, dass wir weiter auf Weltrekordkurs liegen. Das motiviert.

Zuschauer gab es natürlich mitten in der Nacht keine, mit Ausnahme einiger Clubkollegen, die entweder an Schlafstörungen litten oder von ausgeprägtem Vereinsgeist angetrieben wurden. Einige von ihnen hatten es sogar geschafft, ihre Partner mitzuschleppen. Die Kollegen hatten sich verschiedenste Anfeuerungsstrategien ausgedacht. Während der eine regelmäßig unwahre Restrundenzahlen verkündete, trillerte uns der andere mit einer Pfeife ins Ohr. Wir mögen Euch aber trotzdem!

Bei einer so kurzen Pendelstrecke bleibt es nicht aus, dass man ständig auf seine Mitläufer trifft, sei es frontal entgegenkommend oder bei Überrundungen. Viele der Läufer kennen sich, so entwickelt sich bei den kurzen Treffen eine rege Gruß- und Anfeuerungskommunikation. Um nicht zuviel Energie dabei zu verlieren, beschränken sich einige der Läufer auf immer die gleiche Formel, zum Beispiel „das sieht aber locker aus“, „gut so, weiter so“, oder schlicht „Super!“. Das spart kräftig Gehirnschmalz und zudem bleibt die Gruß-Nachricht durch die zahlreichen Wiederholung auch besser beim Gegrüßten haften. Auch der Gegengruß wird natürlich nicht variiert, was die Monotonie des Pendelns zwar nicht unbedingt auflöst aber immerhin wachhält.

Nach 30 km lässt meine Kraft langsam nach. Ich sage tschüß uum Frank und entlasse ihn alleine in die dunkle Nacht. Nun rächt es sich, dass ich im Vorfeld des Marathons nur einen längeren Lauf absolvieren konnte - und den auch noch am Wochenende zuvor. Auch bei den Wochenkilometern war ich aus verletzungstechnischen und beruflichen Gründen selten über 40-50 hinausgekommen. Nachdem ich das Tempo etwas rausgenommen hatte, ging es dann irgendwie wieder. Aber Schweiß und Erschöpfung lassen allmählich die zunehmende Kälte an den Körper ran. Es wird Zeit ins Ziel zu kommen. Die letzten Runden ziehen sich elendig lang. Wie sieht es mit dem Weltrekord aus? Wird Frank es schaffen, werde ich als Zweiter den bestehenden Weltrekord ebenfalls noch unterbieten können? Noch drei Runden, an der Wendemarke beginne ich plötzlich auch halbe Runden mitzuzählen, noch zwei, noch eine… Auf der letzten Runde fangen die Mitläufer an mich zu beglückwünschen. Wie haben sie es nur geschafft, neben ihren eigenen Runden auch noch die meinigen mitzuzählen? Noch eine Rückgerade auf der Promenade, noch schnell jeder Kurve, jedem Stein, jedem Zuschauer tschüß gesagt, dann kommen schon die Lichter des Zielbereichs in Sicht. Zielstrich. Ankunftszeit zwei Uhr dreiundfünfzig, Frank war sechs Minuten vor mir hier. Bei einer Startzeit um ein Uhr morgens ergibt das mathematisch unangefochtene 1h53min für mich und 1h47min für Frank.

Das Unglaubliche war passiert, wir sind Doppelweltrekord gelaufen. Der Muskelfaserriß aus dem Juni ist vergessen, Frank und ich liegen uns in den Armen, umringt von zwei Fotografen. Der Organisator und die Helfer beglückwünschen uns. Wie hatte das passieren können? Zunächst konnte ich es mir nicht richtig erklären. Ok, ich hatte mir vor dem Lauf gewissenhaft die Nasenhaare rasiert, um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern, hatte mir die Fußnägel geschnitten, alle potentiell abbremsenden Steinchen aus meinen Laufschuhen entfernt. Aber deswegen gleich Weltrekord? Vielleicht war die Strecke einfach besonders schnell, oder…? Wie mir der Organisator versicherte, soll es den Zeit-Sprung-Marathon auch nächstes Jahr wieder geben. Da könnt Ihr das selber mal ausprobieren. Aber achtet darauf, dass in dieser Nacht die Sommerzeit endet. Stellt die Uhr nicht zu früh zurück, sonst kommt Ihr zu spät zum Start!

 

Danke an alle freundlichen Helfer die sich für uns die Nacht um die Ohren geschlagen haben.

 

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Sebastian Lüning, Bürgerwohlsweg 53, 28215 Bremen, Tel. 0421-2428 887