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Der dreiunddreißig Kilometer-Flug im Sylter Windkanal
Syltlauf, 21. März 2004


Endlich, endlich wollte ich nun auch mal zum Syltlauf. Es war bereits der dritte Versuch, da in den Vorjahren entweder ein dringender Termin dazwischengekommen war oder keine Startnummern mehr zu erhalten waren. Eine der Besonderheiten des Laufes ist, dass man in der Zeitspanne zwischen Anmeldung und Start problemlos einen neuen Erdenbürger produzieren und auszutragen kann – auch der diesjährige Lauf war bereits im Frühsommer des Vorjahres komplett ausgebucht.

Der Andrang auf den Syltlauf lässt sich vermutlich am besten damit erklären, dass viele Läufer noch immer glauben, dass an der Sylter Strecke üppige Verpflegungstische aufgebaut würden, wo pelzmäntelchenbehangene junge Damen dem vorbeieilenden Läufer Kaviarhäppchen, Trüffelspeise und Sektspritzer kredenzten. Aus eigener Erfahrung muß ich diese Annahme nun leider ins Reich der Fabeln verbannen, auch wenn die Wahrheit für den einen oder anderen hart klingt. Ebenso stimmt es leider nicht, dass alle Finisher des Laufes im Anschluß in einem Kabriokorso durch Westerland gefahren werden. Trotz allem gehört der Lauf zum Besten was die Insellaufszene zu bieten hat. Aber mal der Reihe nach.

Inselläufer's Training zum Syltlauf verlief überraschend verletzungsfrei. Mit Ausnahme der traditionellen mehrwöchigen Zerrungspause Anfang des Jahres konnte ich ein ordentliches 60 km/Woche Training durchführen, was auch Bergläufe auf der Kanareninsel La Palma einschloß. Kurz vor Sylt verschlug es mich dann aber ins bayerische Ausland, wo ich zwei Wochen im oberfränkischen Schnee herumstapfte. Von der Reise zurückgekehrt, blieb Inselläufer dann genau eine Stunde, um seinen Koffer umzupacken und Laufklamotten auszuwählen. Besondere Sorgfalt ließ ich bei Startunterlagen und Renn-Chip walten, die ich zusammen mit Geld, Ausweispapieren und Führerschein in einen separaten Rucksack packte, den einige meiner Kollegen schon als meine „Herren-Handtasche“ umschrieben haben, da ich ihn immer und überallhin mitschleppe. Mein ein und alles sozusagen.

Die Abfahrt von Bremen nach Sylt nahte. Schnell noch den Anderthalbjährigen und die Oma eingepackt (die Ehefrau war dieses Wochenende arbeitenderweise beschäftigt), zack ging es in strömendem Dauerregen gen Norden. Wie alle seriösen Läufer, ging ich im Auto meine Ausrüstung immer und immer wieder gedanklich durch. Turnschuhe – Roger. Kurze Hose – eingepackt. Mittellange Hose, falls es kalt wird – auch dabei. Lange Hose, man kann ja nie wissen – im Koffer gut verstaut. Chip? Stille . Der Chip? Der ist im Rucksack. In welchem Rucksack? Im Kofferraum ist jedenfalls keiner, und schnell wurde klar: Er steht noch immer gemütlich zuhause im Trockenen. Mittlerweile waren bereits die Hamburger Hafenkräne in Sicht; der point-of-no-return war längst überschritten. Also musste es auch ohne Chip, Startkarte, Geld, Perso und Führerschein gehen. Es musste – und es ging.

Am Vortag des Laufes zogen sich lange Schlangen durch die Seepassagenhalle in Westerland. 1300 Läufer und Läuferinnen kreuzten hier Schlag 16 Uhr auf, um in größtmöglicher Synchronität ihre Startunterlagen entgegenzunehmen, sozusagen eine Übung für den Massenstart am Sonntag-Morgen. Glücklicherweise war die Ausschilderung der einzelnen Schalter so klein auf Miniaushängen ausgedruckt, dass sich einige Lauffreunde erstmal falsch anstellten, was einem im Warte-Wettkampf entscheidende Sekunden einbrachte. Dann kam ich dran. „Was, nur eine Kopie der Startkarte?“ (die ließ ich mir noch von zuhause nachfaxen). „Das geht aber nicht“. Dann: „Nagut, ausnahmsweise, aber nur mit Perso“. Das Problem blieb bestehen. Schließlich dann: „Hier Ihre Nummer“. Danke, danke. Es soll nicht wieder vorkommen, versprochen! Auch ein Leihchip ließ sich noch kurzfristig auftreiben und registrieren. Das nenn ich Flexibilität! Neben meiner Startnummer erhielt ich auch vier Nädelchen und, in Form eines Ausgangs, den guten Rat, bei etwaigen Fragen doch lieber noch einmal die mehrseitige Ausschreibung genau anzugucken, die wiederum praktischerweise nirgendwo auszuhängen schien. Regen und Sturm waren noch immer in vollem Gange, als ich mich zufrieden und für den Lauf gut ausgestattet wieder von der Veranstaltung entfernte.

Der Sonntag-Morgen brach an. Der Regen hatte aufgehört und stellenweise mogelten sich sogar ein paar verirrte Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Aber das schönste Geschenk war, dass sich der Strandhafer Richtung Dänemark krümmte. Will heißen: Wind aus südlichen Richtungen, deutlicher gesagt: Rückenwind!!! Und selbst das stimmte nur halb. Denn es war im Prinzip sogar ein Rückensturm.

Der Syltlauf beginnt am südlichen Ende der Insel auf der Landstraße im Ort Hörnum. Der Kurs führt Richtung Norden auf einem Fahrradweg, wobei nach etwa einem Liter Schweiß Rantum erreicht ist. Weiter geht's auf Schleichwegen durch Westerland, Wenningstedt und Kampen, wo dann auf den Damm der ehemaligen Sylter Eisenbahn gewechselt wird. Das Rennen endet auf dem Sportplatzgelände in List, dem nördlichsten Ort Deutschlands. Im Prinzip wäre auf Sylt auch ein Marathon machbar, wenn der Ellenbogen (ein langgestreckter Sandhaken) miteinbezogen werden würde. Aber warum soll man nicht auch mal krumme Strecken wie die 33 km laufen. Entlang der Strecke viel Natur. Das schönste Teilstück ist wohl unzweifelhaft das zwischen Kampen und List, wo es fernab der Fahrstraße durch eine einzigartige Dünenlandschaft geht.

Am Veranstaltungsmorgen wurden die Teilnehmer des Laufes durch einen vorbildlichen Shuttle-Service auf der ganzen Insel eingesammelt. In Hörnum war es bitter kalt und windig. Die meisten Läufer versteckten sich daher bis kurz vor dem Start im Kurhaus, wo sie sich durch eine Übertragung der Schumi-Spiele in Malaysia zu motivieren suchten oder sich einfach ob der syltischen Wetterbedingungen selbst bedauerten. Den letzten Kilometer bis zum Startstrich fuhren die meisten unehrenhaft im Bus, ich gestehe, Inselläufer eingeschlossen.

Startschuß. Bloß nicht zu schnell anlaufen. Dreiunddreißig Kilometer, das ist im Prinzip nicht anders als beim Marathon. Jedes zu früh verschossene Korn wird in der Endphase doppelt und dreifach bestraft. Aber man sollte auch nicht zu langsam beginnen, ein ausgeglichenes Tempo muß es natürlich sein. Gleich zu Beginn zieht vorne eine dänische Rakete ab, der spätere Sieger. Seine windschnittig-sportliche Yul Brynner-Frisur schien wie geschaffen für die besonderen Anfordernisse im Sylter Windkanal. Jens Henrik Jensen, so heißt er, gewinnt schließlich mit mehr als 5 Minuten Vorsprung auf den zweiten in neuer Rekordzeit. Wie sich später herausstellt, darf ich mich rühmen, in einem Rennen mit dem Gewinner des Kopenhagen und Hanse Marathons gewesen zu sein… Auch bei den Frauen fällt der Rekord. Anke Kemmener war unstoppbar.

Der Rückenwind zeigte bei mir erste Wirkung. Angetrieben vom atmosphärischen Motor, fallen die Schritte viel leichter als sonst. Nur die vereinzelten Seitenwindattacken stören zeitweilig den Rhythmus. Sehr langsam aber stetig arbeite ich mich an eine Dreiergruppe heran. Und vorbei. Ein dänischer Kollege schließt in Westerland zu mir auf und leistet mir bis hinter Kampen Gesellschaft. Zusammen rennt es sich in der Tat viel besser. Man lässt sich nicht so tief fallen, wenn es mal nicht so gut läuft. Und man übertreibt auch nicht, wenn der Wagen einmal rollt. Dann ein überraschender Getränkestand. Ankündigungen dieser Oasen gibt es leider nicht, so dass es schnell mal passieren kann, so ein Ding zu verpassen. Diesmal habe ich ihn zuerst gesehen, tränke mich. In letzter Sekunde erspäht der dänische Laufpartner die Becher, und wir kollidieren in bester Lage direkt vor der Westerländer Kurkonzertmuschel. Sicher eine schöne Einlage für die hier zahlreichen Zuschauer. Die bremisch-dänische Allianz zerbricht, als ich ein fernes Keuchen hinter mir höre. Die Konkurrenz schläft nicht und kann es kaum abwarten, unser gemütliches Lauftandem niederzumachen. Tempoverschärfung. Kurz vor List dann die Attacke. Zwei Herren passieren mich. Und das so kurz vor dem Ziel. Der Himmel schickt mir eine kräftige Rücken-Windböe. Ich springe jetzt bei jedem Schritt etwas höher und versuche meine Jacke als Segel zu missbrauchen. Und es klappt. Fast spielend komme ich an den beiden Konkurrenten wieder vorbei. Möglicherweise kannten sie den Segeltrick noch nicht. Sorry, Jungs. Die letzten sechshundert Meter. Es geht jetzt direkt gegen den Wind. Man kommt kaum voran. Aber das gilt für alle. Ich rette meinen vierten Gesamtplatz bis ins Ziel.

Den Syltlauf sollte jeder ernsthafte Landschaftsläufer einmal mitgemacht haben. Das komplette Durchlaufen einer mittelgroßen Insel wie Sylt gehört schon zu den ganz besonderen Lauferlebnissen, die man so machen kann. Irgendwie bilde ich mir jetzt ein, der Insel durch den Lauf näher gekommen zu sein, die Sylter Dimensionen und Strecken mit eigenen Füssen ausgelotet zu haben. Selbst wenn das nur ein ganz kleines bisschen stimmt, hätte es sich aber schon gelohnt.

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