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U wie Ummelder - Der 25. Syltlauf (33,333 km)
19. März 2006

Von Sebastian Lüning

Es begann Silvester 2005. Schneechaos in Bremen. Nochmal schnell was fürs Hobby tun und einen kleinen Jahresabschlußlauf durchtrampeln. Vereinskollege Themsen hatte die gleiche Idee. Seine Reisepläne nach Nordenham mußte er aber aufgrund der Witterung schnell begraben und schaffte es auch nur ein paar Kilometer weit an den nördlichen Stadtrand Bremens. So begab es sich, dass wir einen gemütlichen, winterweissen Halbmarathon im Orte Lilienthal zusammen laufen konnten. Nachdem er mich kräftig abgeledert hatte, offerierte er mir in bester Stimmung für umsonst eine kostbare Startkarte. Nicht irgendeine Startkarte. Es war die Startkarte zum legendären Syltlauf.

Seit Monaten ausgebucht und auf ebay zu irren Preisen gehandelt, ergab sich so unverhofft die seltene Möglichkeit, am Kultlauf auf der nördlichsten Insel Deutschlands teilzunehmen. Wer nicht kurz nach der Ausschreibung des Laufes bucht, der kann das Anmeldeformular gleich im Internet stecken lassen. Ausgebucht, nichts geht mehr. Und das schon im Sommer. Vielköpfige Lauftreffs aus Uelzen und anderswo blocken sich rechtzeitig riesige Startpasskontingente. Ist ja auch zu schön auf Sylt. Kann man verstehen. Nur gut, daß Laufkollege Themsen die Startkarte einfach so, ohne sein zutun in seinem Briefkasten vorfand. Er hatte im Vorjahr gewonnen, da wurde er halt eingeladen. Als frischer Neuvater konnte sein Antrag auf Sylter Laufreise von der Familienregierung jedoch nicht bewilligt werden. Da mußte die Karte also schleunigst weg. Vielen Dank nochmal, Frank!

Aber hätte es denn unbedingt die Startnummer 1 sein müssen? Schon bei Abholung der Startunterlagen erregte die Nummer Aufsehen. Nein nein, ich bin es nicht. Ich vertrete nur den Vorjahressieger. Seht ihr denn nicht das große Stempel-„U“? U wie Ummelder. Und U wie unerhört teuer. 20 Euro hat der Stempel nämlich gekostet. Ok, hätte mich ja auch vorher ummelden lassen können, dann hätte ich die Hälfte gespart gehabt. Zugegebenermaßen hatte ich im Vorfeld des Laufes andere Sorgen als Ummeldungen, Steuererklärungen oder Monatskartenverlängerungen. Denn den geschlagenen Februar mußte ich dienstlich in einer abgelegenen Gegend der libyschen Sahara verbringen. Und dort geht es dann plötzlich um ganze andere Dinge wie zum Beispiel: „Wer hat bloß diese Riesenpalette Fanta-Erdbeere gekauft“, „Wer hat den Sand in die Nutella rieseln lassen“ oder gar „Wann darf ich endlich wieder nach Hause?“. Auch das Training gestaltet sich in der Wüste etwas anders als gewohnt. An Trainingsstrecken stehen geröllgespickte Pisten und Sanddünen zur Verfügung. Wer sich zuweit vom Camp entfernt und sich den Fuß verknackst, steckt in ernsten Schwierigkeiten. Nach einigen Tagen merkte auch die Achillessehne, dass sie weit weg aus der asphaltierten Heimat verschleppt wurde. Und trotzdem kamen in dem Monat sicher 250 Wüstenlaufkilometer zusammen, immerhin fast ein Zehntel der Strecke, die ich während dieser Zeit im Geländewagen durch die Gegend schaukelte. Und Anfang März gings dann endlich wieder zurück in das norddeutsche Schmuddelwetter.

Ausrichter des Syltlaufes ist der TSV Tinnum 66. Man merkt, dass das Orgateam 25 Jahre Zeit hatte, die Abläufe zu perfektionieren. Alles läuft wie geschmiert. Die Nudelparty am Samstag ist in vollem Gange als sich die Läuferschar die heißersehnten Nummern herausgeben läßt. Irritierende Ausweiskontrollen wie noch 2 Jahre zuvor gibt es nicht mehr. Nach einem Viertel Jahrhundert kann man es auch wirklich etwas ruhiger angehen. Die Nummer in der Hand verlasse ich die Veranstaltung und freue mich schon auf den kommenden Morgen. Die Wetteraussichten sind gut. Kalte aber nicht zu kalte Temperaturen bei mäßigem Wind. Und so wird es auch werden.

Am Abend dann die letzten Vorbereitungen für das Rennen. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, aber ich schaffe es, meine Frau davon zu überzeugen, dass sie mir meine Beine durchmassiert. Ein Ereignis das in etwa so häufig vorkommt wie die Sonnenfinsternis. Frisch durchwalkt kümmere ich mich dann anschließend um die Atemwege. Ich setze meinen Nasenhaarentferner in Gang und hole eine reiche Ernte ein. Zu allem Überfluß ergattere ich auch noch ein Einzelbett zur Sicherung der wohlverdienten Nachtruhe, während sich meine bessere Hälfte die halbe Nacht von unserem Dreijährigen in die Rippen treten lies.

Der Rennmorgen bricht an. Ein Brötchen mit Honig, Vitamintrunk. Mein geliebtes Isostar hatte ich im Trubel des Aufbruches in Bremen vergessen. Also muss es auch mit Wasser gehen. In voller Laufmontur dann zum Shuttlebus in List. Pünktlich geht es los. In der Jugendherberge werden Läufer der Economy-Class eingeladen, in Kampen einige wenige sonnenbebrillte Laufmannequins der Business Class. Nach Zwischenstop in Westerland geht die Tür dann in Hörnum letztmalig auf und eine Blaskapelle begrüßte uns Neuankömmlinge am Start mit großem Rumptata.

Das Hirn ist mit der üblichen Kleiderdiskussion beschäftigt. Zu warm angezogen, um dann später mit klatschnasser Windjacke und um den Bauch gebundenem Schal schwer schleppend ins Ziel zu wanken? Oder zuwenig Klamotten, mit der Gefahr unterwegs von Kälte und Wind ins Läufergrab geweht zu werden? Nur Mut!

Startschuß. Zunächst geht es unspektakulär zwischen Hörnum und Westerland auf dem Radweg lang. Immerhin gab es keine Fahrräder, um die man hätte Slalom laufen müssen. Bekannt als taktisch verbesserungsfähiger Läufer, renne ich wie immer zu mutig in der Spitzengruppe mit. Wie kann das nur gutgehen. Es bildet sich eine nette Vierergruppe heraus. Außer mir zwei Herren vom Hamburger Sportverein sowie ein dänischer Laufkollege. Nach einigen Kilometern informieren wir uns sogar gegenseitig über unsere Rennpläne. Dankenswerterweise spenden die Hamburger jede Menge Windschatten was Bremen und Dänemark reichlich ausnutzen. Zwischen Rantum und Westerland nutzt Hamburg seine Chance und setzt sich ab. Es geht nur langsam voran.

Ein paar Zuschauer haben sich am Wegesrand verloren. Schließlich jedoch nähern wir uns dem sozialen Zentrum des Syltlaufes. Auf der Westerländer Promenade gibt es ein Bad in der Zuschauermenge. Applaus, Applaus. Ein bisschen Gatorade reinschütten, nein, bloß nicht die Kontaktlinse aus dem Auge spülen. Der größte Teil des Naß landet traditionell sowieso auf meiner Hose.

Wenningstedt. Ein HSVer muß Dampf rausnehmen und ich kann ihn freudig überholen. Auch der Däne ist seit einiger Zeit hinten verschwunden. Gut eine Minute vor mir, aber noch in Sichtweite läuft Ralf Heuss. Der hatte hier schon zigmal vorher gewonnen. Die Zuschauer wollen Action und bitten darum, die Lücke zu schließen. Gerne hätte ich dem Zuschauer meinen Vertreterstatus erläutert, der mich mit „Die Nummer 1 verpflichtet aber!“ zu motivieren versuchte.

 
    Ob der Vorsprung halten wird? Kurz hinter Kampen ist sich Syltlaufsieger Ralf Heuss noch nicht ganz so sicher. "Inselläufer" Sebastian Lüning gibt alles.
Foto: Uli Sauer

Dann das schönstes Stück des Laufes. Von Kampen nach List. In einem abgelegenen Dünental zeigt sich die Insel von der schönsten Seite. 30 Grad im Schatten, leises Säuseln im Strandhafer, ein gutes Buch und ein kühles Bierchen. So wünschen wir uns das für den Sommer. Momentan in der Winterkälte gibt es aber ganz andere Sorgen. Die letzten 10 km müssen irgendwie geschafft werden. Die Batterie leert sich merklich. Die ersten Psychotricks werden herausgekramt. „33 km, das sind doch ganze 9 weniger als beim Marathon. Wenn Du das hier nicht schaffst, wie soll das nur auf der vollen Distanz werden“. Oder: „Nimm das hier mal als langes Trainingsläufchen. Hast ja seit letztem Jahr nichts über 15 km gemacht. Da wird es allmählich Zeit. Der Duisburg Marathon steht vor der Tür“. Oder ganz einfach: „Zehn Kilometer. Mann. Das ist Deine normal Trainingsstrecke, das machst Du doch jeden Tag.“ Und weiter geht es zwischen den Dünen. Einst dampfte hier die Inselbahn. Heute dampft hier nur noch mein verschwitztes T-Shirt.

Ralf kann den Vorsprung halten und erreicht als erster das rettende Ziel in List. HSV schlägt Bremen. Eine Nachricht die im Fußball die halbe Nation von den Bänken gerissen hätte. Wir Läufer sind da bekanntlich bescheidener. Und unsere Zeiten könnten auch einen Tick besser sein. Aber die Saison ist ja noch jung! Zur „Strafe“ muß Ralf als Sieger nun einen seltsamen Kranz sowie eine riesige Milchkanne in seinem Hamburger Haus unterbringen. Ich hingegen kann meine Urkunde fein säuberlich und platzsparend in meiner Laufmappe abheften. Ok ok. Ich bin da nicht ganz ehrlich. So eine Milchkanne hätte ich auch gerne mal. Kann man ja auch was anderes reinfüllen. Zum Beispiel Sicherheitsnadeln von den diversen Laufwettbewerben. Bloß nicht wiederverwenden. Das bringt Unglück und zerstört den Kult des Nadelgreifens am Meldetisch. Neulich, allerdings, sollte ich bei Landesmeisterschaften mal einen Euro für vier Nadeln zahlen - da habe ich mich wirklich, wirklich geärgert.

 
    Ein kurzes Lächeln für die Presse...
Foto:
Uli Sauer

Nach ein paar kostenlosen Bananen und zig Bechern Flüssigkeit (bezahlt ist bezahlt!) schnell zum Familien-Fan-Club. Nun lohnt es sich endlich mal, dass die Eltern in List wohnen. Schnell mit dem Auto nach Hause gedüst und unter die warme, elterliche Dusche.

Die Siegerehrung des Syltlaufes findet traditionell im Stile einer Samstagabendshow statt. Mit all ihren verschiedenen Showelementen, Gags und Längen. Daher eigentlich nur was für Montagsrückkehrer, auf keinen Fall was für zeitgeplagte Sonntagsfahrer. Glücklicherweise konnte ich den Vereinskollegen Ziegler dafür gewinnen, die spartanischen Geschenke und Urkunden für mich einzusammeln. Danke fürs mitbringen, Stefan! Ein Geschenk der besonderen Art erhielten auch die autofahrenden Teilnehmer der Siegerehrung. Nachdem sich der Rasen vor der Turnhalle in eine NATO-zertifizierte Matschwüste verwandelt hatte, bekam jeder noch die Chance an einem Geländefahrkurs teilzunehmen.

 
    ...aber ganz so freudig ist die ganze Angelegenheit zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht mehr.
Foto: Uli Sauer

Im Rückblick muß ich pesönlich sehr zufrieden sein mit der Veranstaltung. Mit meinem zweiten Platz schaffte ich es irgendwie doch noch auf das Titelblatt der montäglichen Sylter Rundschau und wurde so inselberühmt. Zudem ehrte mich der Sieger im Interview als „harten Hund“. Ich arbeite jetzt daran, nächstes mal ein „harter Löwe“ oder gar „harter Gepard“ zu werden. Dem Syltlauf ist zu wünschen, dass er genauso weitermacht wie bisher. Denn Kult ist Kult. Zwar mag es sein, daß ein Surfweltcup mehr Geld in die Sylter Kassen spült, aber der Syltlauf füllt die Betten auch außerhalb der Saison. Hoffentlich können die Lücken im Orgateam noch aufgefüllt werden, so daß auch 2007 wieder ein bunter Läuferwurm über die Insel ziehen kann. Vielleicht findet sich sogar ein computerbegabter Helfer, der die Ergebnisse zeitnah nach dem Lauf im Internet veröffentlichen kann…

Mit Grüßen

Euer Inselläufer

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Danke an Uli Sauer für die Fotos.

Anregungen, Ergänzungen und Korrekturen bitte an meine Emailadresse Sebastian.Luning@gmx.net
Sebastian Lüning, Bürgerwohlsweg 53, 28215 Bremen, Tel. 0421-2428 887