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33,333 km - Der Syltlauf

Von Hans-Jürgen Fründt
(aus seinem Reiseführer "Insel Sylt")

Da war er wieder, der Schlappschwanz. Die Rentner grinsten sich eins und lehnten sich peinlich berührt auf ihrer Parkbank zurück, schüttelten resigniert den Kopf. „Dat is nich so doll!“, stellte einer mitleidig fest. Der Schlappschwanz blieb keuchend stehen. Holte japsend Luft. Stemmte die Hände in die Hüften. Rang hustend mit hochrotem Kopf um Fassung. Nein, doll war das wahrlich nicht. Schleppend, fast torkelnd schlich der Schlappschwanz davon.

Der Schlappschwanz war ich. Vor zwei Jahren. Damals hatte mich eine blöde Eingebung erwischt: „Mach mal wieder Sport!“ Na ja - warum nicht? Immerhin 20 Jahre Fußball gespielt, dann 13 Jahre fast nichts gemacht und nun so eine blöde Eingebung! Saublöde eigentlich!! Trotzdem, die eingestaubten Sportschuhe vom Boden geholt und einfach mal losgetrabt. Aber nicht sehr weit, siehe oben. Die Anfänge waren grausam. Fit werden ist ja gut und schön, wenn man sich bloß nicht so anstrengen müsste. Hehehe! Und dann erst der Schweinehund, der bekannte innere! Laufen? Klar, aber nicht heute. Zu kalt, zu heiß, zu früh, zu spät, zu windig, zu irgendwas. Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Ausreden-Erfinden, ich wäre uneinholbarer Champion geworden.

Und doch... Immer wieder trabte ich los. Monate dauerte es, bevor es auch nur etwas besser wurde, etwas lockerer ging. Dann die erste Zäsur: Ein Stadtlauf lockte. Oh ja, mitmachen! Gleich über 10 Kilometer? Klar! Wenn schon, denn schon. Also noch mehr üben, man will sich ja nicht blamieren. Und los ging's. Flott mitgelaufen, nach knapp 46 Minuten im Ziel. Da kann man nicht meckern, fürs erste Mal. Zufriedenes Zurücklehnen. Was kommt wohl als nächstes?

Als nächstes kam das Gift. Zuerst ganz sachte tröpfelnd. Das schüttelte ich noch locker ab. Dann verdickte sich das Gift zu einem Rinnsal. Schoss immer öfter brodelnd durchs Gehirn. Schwoll schließlich an zu einem Rauschen, zu einem wispernden Sturm. Unablässig durch den Kopf fegend und ein einziges Wort formend. Erst zärtlich lockend, dann brutal fordernd: Ma-ra-thon! „Hah, ich doch nicht!“ wehrte ich ab, aber irgendwie halbherzig. Wurden die Trainingsrunden nicht merkwürdigerweise wie von alleine immer länger?

Dann sagte es irgendwann ‚Knack'. Es gab kein Halten mehr. Alle Dämme brachen. Das Gift verwandelte sich in ein wildes Raubtier. Es lauerte mir auf, beobachtete mich grinsend, dabei seine Pranken bleckend. Genau wissend, ich war infiziert. Und eines Tages sprang es mich an. Wild und ungestüm. Mit der Wucht eines Orkans fegte es in mein Innerstes. Hackte seine scharfen Krallen in mein Gemüt, verbiss sich in den hinterletzten Gehirnwindungen und fauchte mich wie rasend an: „Marathon, MARATHON, MA-RA-THON!“ „Nein, nein!“, wimmerte ich, „ich will nicht!“ „Doch, doch!“, brüllte das Raubtier, „doch, doch – du willst!“

Und ganz ehrlich: Im Prinzip wollte ich tatsächlich. Aber gleich einen ganzen, einen „echten“ Marathon? Vielleicht zunächst erst mal mit einem Drei-Viertel-Lauf versuchen. Dazu bietet sich förmlich der Sylt-Lauf an, führt er doch über eine Distanz von exakt 33,333 Kilometern. Startpunkt ist Hörnum im Inselsüden. Von dort geht es stramm immer geradeaus nach Norden. Erst durch Rantum, dann durch Westerland, schließlich wird Wenningstedt durchquert und Kampen passiert, bevor in List das Ziel erreicht ist. Mittlerweile ein Traditionslauf, der aus bescheidenen Anfängen sich gemausert hat zu einem echten Event, bei dem mittlerweile über 1000 Läufer an den Start gehen im kühlen Monat März. So auch ich. Hatte vorher eisern trainiert, nix mehr mit Ausreden-Weltmeister, und so. Möge niemand glauben, man könne mal so eben im Vorrübergehen einen Marathon herunterlaufen! Mein Respekt vor den 42 und-ein-paar-Zerquetschten wuchs gewaltig.

Aber auf Sylt sind's ja nur 33 und ein paar Zerquetschte, tröstete ich mich. Also los, ab nach Westerland.

Sonntag morgen gegen 8.30 Uhr. Diverse Trainingsanzüge und Sportlertaschen streben zum ZOB. Von dort bringen Busse die Läufer nach Hörnum. Geht nicht anders, die Straße ist gesperrt. Ne Menge Fachgespräche im Bus. Mit spitzen Ohren und Pokerface-Gesicht à la ‚Bin schon ein Dutzend Mal hier gelaufen' lausche ich. Schnappe Wortfetzen auf: „New York war Klasse!“ oder: “In Berlin bin ich Bestzeit gelaufen, Drei zwoundzwanzig.” „In Hamburg hat's die beste Stimmung. Wenn du bei 35 durch Eppendorf kommst, ist's wie bei der Tour de France beim Gipfelanstieg.“ Ich wurde klein und kleiner, hänge aber den ganz Coolen raus.

9 Uhr Hörnum, Kurverwaltung. Noch eine Stunde. Rein ins Warme, Schutz suchen vor dem kalten Wind. Der Raum füllt sich. Jede Menge Athleten rücken an. Ziehen sich um, nesteln an ihren Sachen herum, klippen Startnummern fest. Die Klos im Keller sind umlagert, Aufgeregtheit liegt in der Luft.

9.30 Uhr. Die Meute zieht langsam Richtung Start. Der liegt knapp 2 Kilometer entfernt. Warmlaufen oder warm sitzen ist hier die Frage, soll heißen: zum Start laufen oder sich per Bus hinfahren lassen? Ich wähle die bequemere Variante, der kalte Wind pfeift mir zu stark.

10 Uhr, der Startschuss. Die Masse setzt sich in Bewegung, auf geht's.

Km 2. Hier werden die Läufer von der breiten Straße auf den schmalen Radweg geleitet. Es wird eng, wer einen langsameren Läufer vor sich hat, muss reichlich gewagt auf dem weichen Dünenboden überholen. Nicht schön.

Km 9, Rantum. Einige Urlauber applaudieren, andere gucken etwas verwundert. Kurz danach die erste Verpflegungsstelle. Haben Sie schon mal im Laufen getrunken? Gar nicht so leicht, das sage ich Ihnen!

Parkplatz Sansibar. Eine Frau schwenkt eisern eine schwere Kuhglocke, feuert so alle Läufer an. Auch nicht einfach, nehme ich mal an, das schwere Ding zu bewegen.

Campingplatz Westerland. Der Wind pfeift schräg von der Seite in den Rücken – bis jetzt. Nun müssen wir gute 100 Meter über den Parkplatz vor dem Camping laufen, voll gegen den Wind. Der bläst so stark, ich komme kaum voran. Zum Glück geht's nach 100 Metern wieder „normal“ weiter.

Westerland, Hotel Miramar. „Bitte die Kurkarten!“ flachst ein Läufer, wir werden nämlich auf die Promenade geleitet, laufen direkt an der Musikmuschel vorbei. Mit einem schönen Blick aufs Meer und viel Applaus geht's so bis zum Brandenburger Strand. Dort wieder weg vom Strand, rauf auf den Radweg nach Wenningstedt.

Km 17. „Bergfest“ denke ich schnaufend kurz vor der Klinik.

Wenningstedt. Man glaubt es ja kaum, aber kurz bevor der Radweg in den Ort führt, geht es zwei kleinere Steigungen hoch. „Warte auf die Kampener Dünen!“, mahnt ein Mitläufer, als ich leicht fluche.

Wenningstedt, Dorfteich. Auf der Straße steht eine 20, das Feld hat sich nun doch schon ganz beachtlich auseinandergezogen. Da ist sie wieder, die Kuhglocke.

Kampen. Den Nobelort streifen wir nur mal kurz. Auf der alten Bahntrasse geht es schnurstracks Richtung Dünen. Auweia, die Dünen! Schöööne laaanggezogene Steigungen, so richtig was Nettes nach 23, 24 Kilometern.

Kampener Dünen, irgendwo. Erneut schwenkt die Frau ihre Kuhglocke. Auch ne Leistung.

Km 28. Ein Vierertruppe läuft nebeneinander, versperrt mir den Weg. Ich imitiere eine Hupe: „Tröt-tröt, kann ich mal vorbei, Jungs?“ Einer macht bereitwillig einen Schritt zur Seite, ein anderer ruft mir nach: „Wir sehen uns bei 32!“ „Glaube ich nicht.“ antworte ich mutig.

List. Das Ortsschild wird bei etwa 30 erreicht. Zuvor geht es über die Hauptstraße. Die wird flexibel gesperrt. Nähert sich ein Läufer, stoppt die Polizei den Verkehr, ist der Läufer durch, kann wieder gefahren werden.

Km 32. Noch einmal dieses Wechselspiel, rüber über die Straße, weiter gen Ziel.

Km 33. Einmal links abbiegen, 300 Meter geradeaus und dann rechts ab ins Ziel. Noch hundert Meter, da ist es mit mal wieder, mein Raubtier. Es zerrt, schubst, drängelt, quengelt. „Weiter, weiter, weiter!“ Mein Blick wird zum Tunnel. Ich suche Halt, grabsche zum Raubtier, erwische es nicht. Es wird klein und kleiner, verschwimmt, wird eins mit mir. Der Zielstrich, gemeinsam stolpern wir hinüber. Geschafft. GESCHAFFT! Die halbe Stadt klatscht. Tausende Raketen schießen in den Himmel, zünden ein gleißendes Feuerwerk. Ein Sternenregen prasselt auf mich herab - einzig und allein auf mich! Es tut mir leid, kein anderer Begriff trifft es besser: ein geiles Gefühl!

Auf der Rückfahrt im Bus träume ich von meinen Rentnern. Wie sie entspannt auf ihrer Parkbank sitzen und anerkennend nicken. Und gaaanz leise applaudieren.

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