Spieglein, Spieglein an der Wand, welche ist die schönste
Ostfrieseninsel im ganzen Land?

8 Inseln in 8 Tagen - Islandhopping XXL
beim EWE Nordseelauf 2008

7.-14. Juni 2008

Von Sebastian Lüning

 

 

Mal etwas Verrücktes machen

Ganz im Nordwesten der Nation liegt es, platt wie eine Flunder. Nur der Deich durchbricht die übersichtliche Landschaftsanordnung, schlängelt sich erhaben bis zum Horizont und noch weiter. Über die Bewohner der Region werden im Rest Germaniens amüsante Kurzgeschichten erzählt. Und am liebsten trinkt man hier heißes Wasser mit vertrockneten Kräutern. Ja richtig, es geht um Ostfriesland. Deutschlands Ende im Nordwesten. Dahinter kommt nur noch Meer und noch mehr Meer, und vielleicht irgendwann England. Doch halt, dicht vor der Küste liegen noch einige längliche Sandhaufen, wie auf einer Perlenschnur aufgefädelt. Die ostfriesischen Inseln. Sieben dieser Haufen sind bewohnt. Leuchtendweiße Fähren pendeln im Rhythmus der Gezeiten durch das Wattenmeer und bilden die Nabelschnur zu einer geheimnisvollen Inselwelt.

Es ist dies die Bühne für ein ganz besonderes Laufspektakel, den EWE Nordseelauf. Acht Etappen auf acht Inseln in acht Tagen. Acht lange Tempoläufe von 6 bis 12 km mit nur einem Pausentag. Drei der Läufe finden innerhalb von nur 21 Stunden statt. Anstrengend. Sieht so ein erholsamer Urlaub aus?

Ich hatte irgendwann im Frühling gebucht. In einem günstigen Moment überzeugte ich die liebe Ehefrau vom großen Wert der Etappenfahrt, dem besonderen Erlebnischarakter, dem Nutzen für die Gesundheit, und erhielt überraschend grünes Licht. Mitfahren wollte sie jedoch auf keinen Fall, da ihre Verbundenheit zum Meer, Fährfahrten im Speziellen, wenig stark ausgeprägt ist. So blieb auch unser fünfjähriger Wirbelwind gemütlich zuhause, so daß sich die entspannte Reisegesellschaft schließlich auf den Läufer selbst beschränkte.

Einige Wochen vor dem Etappenlauf holte ich mir meine halbjährliche Marathonration. Erst sammelte ich einen neuen Länderpunkt beim Rotterdam Marathon und bereits zwei Wochen später joggte ich beim Hamburg Marathon als Betriebssportler gemütlich ohne große Ambitionen durch die Hansestadt. Eine gute Idee der Doppelschlag, so hatte ich jedenfalls gedacht. Meine Achillessehne sah dies jedoch grundlegend anders und verweigerte die folgenden vier Wochen die Mitarbeit. Unverhofft kam ich so zu einer längeren Laufpause, unterbrochen nur von einigen wenigen Probejogs. Ein paar mal schnallte ich mir auch meinen Aquajogging-Gürtel um und rannte durchs Schwimmbecken. Zu oft kann man das aber auch nicht machen, wenn man geistig gesund bleiben möchte. Ich beschmierte die Sehne mit verschiedensten Salben, dehnte an allen verfügbaren Hauswänden und Straßenlaternen. Ich lies die Sehne von der holden Physiotherapeuten-Ehefrau durchkneten – aber nur einmal. Die Schmerzen am folgenden Tag waren einfach unbeschreiblich. Ich las die Achillessehnenkapitel in allen erdenklichen Laufbüchern und erschrak mich regelmäßig, wenn ich zu den chirurgischen Abschnitten gelangte.

Irgendwann begann ich dann mit einer Übung, die die Wende einläutete. Ein Arbeitskollege, empfahl sie mir. Und er mußte es wissen. Als olympiaerprobter Mittelstreckler hatte er sich im Laufe der Zeit diverse Tricks angeeignet, um rebellierende Körperteile zu überlisten. Und hier für alle zum Mitschreiben das Rezept zum Glück. Man stelle sich mit beiden Füssen auf eine Treppenstufe. Falls gerade keine zur Hand ist, übt man einfach ohne Stufe, dort wo man sich gerade befindet. Auf dem Bahnsteig, im Supermarkt oder neben seinem Schreibtisch. Mit dem gesunden Fuß drückt man sich zunächst in den Zehenspitzenstand. Dort übernimmt dann der schwächelnde Fuß das Körpergewicht und man lässt sich ganz langsam in den normalen Stand zurück gleiten. Falls man doch eine Treppe zur Hand hat, dehnt man noch ein kleines Stückchen weiter über die Horizontale hinaus, aber bitte nicht übertreiben. Das Ganze macht man bis zu 15 mal hintereinander, mit mehreren täglichen Serien.

Nach den ersten Übungstagen intensivierte sich der Schmerz. Ich übte vorsichtig und reduziert weiter. Ein paar Tage später setzte der Trainingseffekt ein und der stechende Schmerz verschwand allmählich. Nach 2-3 Wochen fand die gekräftigte Sehne zu ihrer alten Form zurück. Zwischenzeitlich hatte ich mir noch eine 5-tägige Ibuprofen-Kur verschrieben und beduschte die Problemstelle wechselweise heiß und kalt. Lange Spaziergänge bewährten sich zudem als geeignete Dehnmaßnahme.

Just in time konnte ich so eine Woche vor dem EWE Nordseelauf wieder mit regelmäßigem Laufen beginnen. Die sportliche Form mußte ich aus der Marathonvorbereitung im Frühling beziehen. Schon einmal hatte ich einen Monat vor einem Wettkampf pausieren müssen und lief dann gleich persönliche Bestzeit im Halbmarathon.

 

Langeoog – Start einer ostfriesischen Kreuzfahrt

Der Auftakt des Nordsee-Etappenlauf sollte auf Langeoog passieren. Treffpunkt war der Fährhafen Bensersiel auf der Festlandsseite. Zwei Stunden sollte die Fahrt dauern, sagte mein Navi beim Start in Bremen. Der Autobahnteil war recht schnell bei Wilhelmshaven erledigt. Weiter ging es auf Bundesstraßen, die allmählich immer schmaler wurden und schließlich in einer Kette von englischen Kreisverkehren mündeten. Schritt für Schritt wurde der schnelllebige Alltag so heruntergebremst. Willkommen in Ostfriesland.

In Bensersiel checkte ich sogleich in das Athletenhotel ein. Zwar war das Zimmer so früh am Morgen noch nicht verfügbar, aber jedenfalls konnte ich mein Gepäck schon mal loswerden. Die meisten Läufer waren bereits am Vortag eingetroffen und hatten an einer Einführungsinformationsveranstaltung teilgenommen. Während die meisten Sportsfreunde noch ausgiebig frühstückten, schlenderte ich etwas am Hafen entlang, um die Zeit bis zur Abfahrt der Fähre herumzubringen. Weit war es eigentlich nicht nach Langeoog. Die Insel ist klar und deutlich vom Festland aus zu erkennen. Den schönen Blick auf die Insel hatten auch hunderte von Dauercampern für sich entdeckt, die vor dem Bensersieler Deich lagerten. Die Wohnmobilisten hatten sich fest in ihre Stellungen eingegraben. Festmontierte Zusatzdächer gegen Tropfschäden zeugten von langfristigem Denken. Zum Beweis, daß man sich voll und ganz mit dem Ort verbunden fühlt, hatten einige Campfreunde sogar die Räder ihrer Behausungen entfernt. Beeindruckend auch die Restaurantdichte in Bensersiel. Griechisch, mehrfach italienisch, türkisch. Auf den Servietten der Gaststätten sind kleine Crashkurse für die jeweilige Landessprache abgedruckt.

Die Abfahrt der Fähre rückt näher und die Laufkollegen trudeln allmählich im Hafen ein. Erst tröpfelnd zu Fuß und dann geballt mit zig Zubringerbussen des Organisationskomitees. Fast 600 Sportsfreunde wollen die erste Etappe auf Langeoog mitrennen oder walken. 360 hiervon planen die ganze Tour mitzulaufen.

Bei sonnigem Zuckerwetter schleicht unser Boot durch eine tief ausgeschachtete, gezeitenunabhängige Fahrrinne dem Eiland entgegen. Nach einer Stunde erreichen wir Langeoog, und betreten eine andere Welt, einen wohlgeordneten insulären Mikrokosmos. Hier ticken die Uhren langsamer. Urlauber im Müßiggang konsumieren genüsslich das Anlegemanöver. Noch sind sie unschlüssig, ob sie die Eindringlinge als willkommene Abwechselung oder nervenden Störfaktor einstufen sollen. Süßlicher Pferdeäpfelgeruch weht uns entgegen. Horsepower statt Dieselkraft. Die autofreie Insel ist mir gleich sympathisch. Plakatträger begrüßen uns am Hafen. „Mach nicht halt, lauf gegen Gewalt“ steht darauf geschrieben. Das Motto des Nordsee-Etappenlaufes, das wohl jeder ohne zu zögern sofort unterstützen kann. Aber braucht ein Sportereignis überhaupt ein Motto? Im Prinzip nicht. Aber es kann auch nicht schaden. Insbesondere wenn das Motto einen guten, unpolitischen Zweck verfolgt. Im Laufe der Woche erfahren wir von Hartmut Schneider, dem mitreisenden Tourpastor, was mit „Mach nicht halt, lauf gegen Gewalt“ alles gemeint sein könnte. Fairness, Respekt, Zivilcourage und noch mehr. Die Kirche ist einer der Träger der Tour, bringt sich an mehreren Stellen dezent ein. Auf Langeoog wird die Veranstaltung erst einmal mit einem Tour-Segen ausgestattet. Trotzdem ist es keine kirchliche Veranstaltung. Der Sport steht im Vordergrund.

Das Nordseelauf-Hauptquartier auf Langeoog befand sich in einer Tennishalle. Eine Ausschilderung dahin gab es nicht, so gestaltete sich die Suche danach gleich zum ersten Mannschaftswettbewerb. Irgendwann war sie dann aber auch gefunden. An einem langen Tisch wurden vorgebuchte Tour-T-Shirts und Startnummern verteilt. Drei Mitarbeiterinnen kümmerten sich um die T-Shirts und eine um die Nummern. Die meisten der Teilnehmer brauchten eine Nummer. Eine große ungeordnete Läuferwolke umschwirrte den Tisch. Mehrere Versuche von Schlangenbildung schlugen fehl. Wer Kenntnisse in der kasachischen Druck- und- Drängelmethode hatte, war hier klar im Vorteil. Letztendlich bekam aber jeder was er wollte.

Zehn Kilometer waren auf dem Langeooger Laufmenü. Eine schöne Strecke auf gepflasterten Wegen durch die leicht welligen Dünen. Knapp eine halbe Stunde vor dem Start übernahm Wolle das Einlauftraining. Wolle, der die Wolle nicht auf dem Kopf, sondern unter der Nase hat. So beschreibt ihn jedenfalls Dominik, der Tour-Moderator. Mit Wolle geht es also einen Kilometer im gemütlichen Schlurfschritt aus dem Ort heraus. Dort bietet er ein zünftiges Gymnastik-Programm an. Dazu ein paar scharfe Sprints. Ein toller Service, der andeutet, daß es sich bei dieser Tour im Prinzip auch um ein Trainingscamp der anderen Art handelt. Vor dem Startschuß wird noch die Doppelklaus-Erkennungsmelodie „An der Nordseeküste“ abgesungen. Irgendeiner hatte sich das Gruppensingen für die Läufer wohl mal ausgedacht. Zugegeben, es hat schon etwas von Teambuilding, der rhythmische Armwurf und der gemeinsame Gesang. Aber ganz mein Ding ist es nicht. Und interessanterweise scheint auch die Presse nicht ganz darauf anzuspringen. In keinem der etlichen Zeitungsartikel habe ich hiervon Bilder oder textliche Hinweise gefunden. Aber Traditionen sind nicht unbedingt dazu da hinterfragt zu werden. Also singen wir. So ganz komme ich mit dem richtigen Klatscheinsatz noch nicht klar. Dies wird sich im Laufe der Tour allmählich verbessern.

Es erfolgt der Start. Ich laufe zügig los. Noch sind wir uns alle unbekannt. Wieviel Lungenpower haben die Mitläufer mitgebracht? Wo im Feld werde ich meinen Platz finden? Ich laufe erstmal so schnell ich kann und suche mein Heil in der Flucht nach vorne. Irgendwann werden die Atmer der Konkurrenten leiser und entfernen sich. Nur noch am Einsatz des Zuschauerklatschens kann ich meinen Vorsprung erahnen. Trotzdem halte ich mich an die goldene Regel. Auf keinen Fall zurückschauen. An einer der Wasserstellen steht der Langeooger Bürgermeister persönlich. Wo sonst kann man sich vom Chef des Ortes noch das Wasser reichen lassen? (Sorry Dominik, den mußte ich hier einfach mal bringen). Ich habe es heute eilig, verzichte dankend auf mein Getränk.

Nach 5 km wünsche ich mir, daß ich eine andere Taktik gewählt hätte. Es wird hart. Irgendwie kämpfe ich mich aber durch und erreiche glücklich nach 34 Minuten als erster das Ziel. Platz zwei geht an den Vorjahressieger Alex Heemcke, Platz drei an Dirk Raabe vom SC Borchen. Das liegt bei Paderborn, erzählt er mir. Und so bleibt die Reihenfolge im Großen und Ganzen auch bei fast allen anderen Etappen. Nun kenne ich also meine Konkurrenten. Das wird sich auch Sylvia Jakobs gedacht haben, die schnellste Frau auf Langeoog. Sie läuft in einer anderen Liga und wird am Ende der Tour kein einziges Rennen verloren haben. Ganz im Gegensatz zum Herrensieger.

Die letzte Walkerin biegt nach fast zwei Stunden im gemütlichen Bummelschritt auf die Zielgerade ein. Zwei Meter vor dem Ziel fällt sie noch mal zu Boden, rappelt sich dann aber wieder auf und überschreitet dann die Ziellinie. Auch sie ist eine Siegerin. Das Ende der ersten Etappe des EWE Nordseelaufes. Nicht ganz. Im Prinzip besteht nämlich eine Etappe nicht nur aus Laufen bzw. Walken. Geschwindigkeit ist auch in den nachfolgenden Disziplinen von Vorteil. Im Wettbewerb Kleiderbeutelschlangestehen sind diejenigen klar im Vorteil, die sich im Ziel nicht allzu lange mit Fachsimpeleien über den Rennverlauf und Getränkezufuhr aufhalten. Deutlicher Seriensieger in diesem Bereich wurde regelmäßig Frank Hofmann. Als Runners World Chefredakteur war er während der Läufe durch das Tragen und Benutzen einer Digitalkamera stark gehandicapped. Dafür verlängerte er stets seinen Sprint über die Ziellinie hinaus bis zur Beutelausgabe und hoppelte dann schnurstracks weiter zur Dusche. Dort operierte er dann allerdings allzu gründlich, so daß ihn einige Schnellduscher in dieser Disziplin wieder einholen konnten. Zeitweilig kam es in letztgenannter Übung übrigens zu Mogeleien seitens einiger Teilnehmerinnen, die sich in den Duschwettbewerb der Herren einmischten.

Der letzte Einzelwettbewerb einer Etappe war jeweils das Schlangen-Wett-Stehen an der Pastaausgabe. Das kriegte der liebe Hanno Rheineck auf Norderney mit voller Wucht zu spüren, als er kurzzeitig die Schlange aus den Augen verlor und dann durch einen plötzlichen Pasta-Esser-Zustrom stark zurückgeworfen wurde. Dabei hätte er fast die letzte Rückfähre aufs Festland verpasst. Als reine Damendisziplin entpuppte sich übrigens das Toilettenschlangestehen kurz vor den Läufen. Hier gingen einigen Teilnehmerinnen sicher wertvolle Minuten verloren.

Durch effektive Digitalisierung auf Basis eines Startnummernchips klappte die Zeitmessung und Ergebnisauswertung während der ganzen Tour-Woche ohne jegliche Probleme. Die Siegerehrungen konnten daher jeweils zeitnah erfolgen. Moderator derselbigen war der geniale Dominik, der aus der stumpfen Vergabe von Urkunden und Tombolagewinnen einen äußerst unterhaltsamen Showteil zauberte. Das ModeraTier zeigte bereits auf Langeoog, was in ihm steckt und glänzte mit einem wahren Feuerwerk der Spontankunst. Bis auf eine Teilnehmerin fühlten sich wohl alle gut unterhalten. Letztere stand nämlich noch immer unter der Dusche im Inselhallenbad und suchte bereits seit längerem verzweifelt ihre Sporttasche mit den Wechselklamotten. Per Durchsage wurde daher während der Ehrung um die Herausgabe der Tasche gebeten, die vermutlich jemand versehentlich mitgenommen haben könnte. Und in der Tat konnte fünf Minuten später die erfolgreiche Erledigung des Problems verkündet werden.

Müde schlappen die Helden am Ende des Tages zurück zum Hafen, wo Fähre und schließlich Shuttlebusse die Teilnehmer zu ihren Unterkünften auf dem Festland zurückfahren. Erschöpft aber zufrieden falle ich am Abend in meine Aquantis-Koje in Bensersiel. Noch sieben Etappen.

 

Es geht aufs Ganze – Die gemeine Doppeletappe Juist-Norderney

Der nächste Tag beginnt, ein Sonntag. Von Wochenend-Ruhe aber keine Spur. Eine fiese Doppeletappe steht auf dem Programm. In der Mittagshitze sollen wir durch den Juister Tiefsand rennen, am frühen Abend dann um Norderney herum sprinten. Aufgrund des niedrigen Wasserstandes schleicht unsere Fähre aus dem Norddeicher Hafen im Schneckentempo heraus. Und sehr viel schneller wird sie auch später nicht. Zwei Stunden soll die Fahrt nach Juist dauern, eine gewagte Fahrt durch ein unsichtbares Kanallabyrinth im ostfriesischen Wattenmeer. Der direkte Weg ist hier selten der richtige.

Ankunft Juist. Ein Duft von Heckenrosen umhüllt mich. Auch auf Juist keine Autos weit und breit. Die Wege sind kurz und das von der Kurverwaltung angekündigte Unterhaltungsprogramm vielseitig. Wem nicht vom Strandkorbservice geholfen werden kann, schließt sich vielleicht den Dünensingern an. Oder vielleicht doch lieber die Vortragsserie zu den Kriminalgeschichten der Bibel, das Turmblasen oder der mysteriöse Lichtbildvortrag „Geheimnisvolles Ostfriesland“? Ob sich das Angebot „Spaßbaggern“ an jüngere Sandkastenbewohner oder knutschfreudige Jungerwachsene richtet, bleibt zunächst unklar. Oder vielleicht lieber was für die Gesundheit tun und das EM-Vorrundenspiel Deutschland-Polen in der Raucher-Sportsbar anschauen?

Nein, wir wollen hier vor allem laufen. Und dafür bleibt wenig Zeit, denn der Insel-Doppelschlag setzt uns heute unter Druck. Wie gewohnt, lassen wir uns vor dem Lauf vom Bürgermeister ein paar einführende Worte sagen. Trotz strahlenden Wetters ohne größere atmosphärische Störungen bedauert jener die schlechte Sicht am heutigen Tage. Schlechte Sicht, weil man an der Juister Ostküste leider die Hochhäuser von Norderney sehen könne. Er wünscht uns trotzdem einen schönen Lauf und anschließend eine gute Weiterfahrt zur Nachbarinsel. Er gibt zu, daß es auch auf Norderney ein, zwei schöne Ecken gebe, nämlich die, wo man einen freien Blick nach Juist herüber hat.

Die Juister Strecke besteht aus einer 2 km Runde durch den Ort und führt auf der Nordseite durch weichen strandigen Tiefsand. Ein wahrer Genuß bei Saunatemperaturen von deutlich über 30°C. Die erste Runde laufe ich eher vorsichtig, in der zweiten Runde erhöhe ich dann das Tempo. Der Schweiß läuft und läuft. Auf der Tiefsandstrecke ergießen sich von meiner Stirn wahre Sturzbäche und drohen meine Kontaktlinsen herauszuspülen. Ganz langsam beginnen sie sich zu lösen. Die optische Auflösung verschwimmt allmählich, ich renne im Blindflug. Allein ein feiner Sichtstreifen schräg nach unten bleibt mir. Ich mache mir langsam Sorgen. Ein heftiger Anstieg zur Promenade hin beendete dann zum Glück das sandig-nasse Leid. Meine Sicht kehrt langsam zurück. Ausgepowert erreiche ich nach der dritten Runde das Ziel. Dirk wird zweiter. Alex fehlt. Ja, wo ist eigentlich der Alex, der Vorjahressieger des Nordsee-Etappenlaufes? Er sei auf dem Weg in den Start/Ziel-Bereich, sagt mir jemand vom Orga-Team. Aber nicht auf seiner letzten Laufrunde, sondern joggend vom Flughafen her kommend. Er hatte am Morgen etwas gebummelt und dann in Norddeich Mole keinen Parkplatz mehr gefunden. So legte die Fähre ohne ihn ab. Er greift tief in seine Tasche und spendiert sich daraufhin ein Flugticket um schleunigst dem Laufzirkus hinterherzureisen. Ganz kann er es bis zum offiziellen Start nicht schaffen. So lässt ihn das Orga-Team leicht verspätet die Etappe als Zeitlauf mit separater Fahrradbegleitung nachholen. Zwar kommt Alex damit nicht in die Tageswertung, bleibt aber im Gesamtklassement weiter an guter zweiter Position vertreten. Mit den vom Veranstalter verhängten zehn Strafsekunden kann er gut leben.

Geduscht wird wie auf allen ostfriesischen Inseletappen im jeweiligen Inselschwimmbad. Auf Juist wird es kapazitätsmäßig ganz schön knapp. Wir praktizieren daher das soziale Mannschaftsduschen, wobei jeweils nach 20 Sekunden gewechselt werden muß. In der Kabine bemerke ich, daß ich einen ganzen Schwung tierischer Freunde mit in die Badeanstalt gebracht habe. Hunderte von Ameisen wimmelten über meine Kabinenbank und schickten sich an, meine wertvollen Wechselklamotten und Schuhe in Beschlag zu nehmen. Wir hatten unsere Taschen während des Laufes auf einer bewachten Wiese zwischengelagert. Offensichtlich hatte mein Beutel über einer Ameisenhöhle gelegen, und nun konnten sich die Tierchen nicht mehr von meinem Rucksack trennen. Ich wechselte schnell die Kabine und schüttelte meine Tasche so heftig aus wie Frau Holle ihre Betten. Noch abends auf Norderney pflückte ich Einzel-Ameisen ab, die allerhartnäckigsten. Es wäre vielleicht ein geeignetes Projekt für die Juister Kurverwaltung, sich einmal um das schlechte Benehmen der Insel-Ameisen zu kümmern. Um die Hunde hingegen hatten sich die Tourismusverwalter schon gekümmert und entsprechende Verhaltensregeln groß auf der ganzen Insel ausschildern lassen: „ Ein Hund, ist er auch noch so klein, darf nicht am Badestrand sein“.

Es mag nicht verwundern, daß es beim Nordsee-Etappenlauf nicht nur um das Laufen geht. Viele Stunden gemeinsame Reisezeit bieten reichlich Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Falls man sich nicht am ersten Tag trifft, dann vielleicht am zweiten oder dritten oder vierten… Immer wieder läuft man sich über den Weg, verlässt erstaunlich schnell die flache Smalltalk Ebene. Ein Phänomen. Bei anderen Laufveranstaltungen habe ich das noch nicht erlebt. Schon aus den ersten Gesprächen wird mir klar, daß sich das Rennen bei weitem nicht nur auf den Treppchenplätzen abspielt. Wir Vorderen laufen zügig, ja. Aber eine ganze Reihe von Teilnehmern hätte uns läuferisch noch vor ein paar Jahrzehnten zum Frühstück vernascht. Sie hätten uns in Grund und Boden gerannt, mit Bleiweste bepackt, barfuß und mit Schweinebraten im Magen. In diese Kategorie gehört zum Beispiel Fritz Ruegsegger , der spätere M55 Sieger der Tour. Als Olympiateilnehmer erwarb sich der Schweizer vor mehr als 30 Jahren internationale Lorbeeren. Mit seiner Bestzeit von 28:40 über 10.000 m wäre es ihm damals im Ziel ziemlich langweilig geworden, wenn er dort auf uns hätte warten müssen.

Auch die spätere Toursiegerin Silvia hätte auf das ein oder andere Küsschen vom Moderatoren Dominik verzichten müssen, wäre die Kalifornierin Christine Iwahashi beim Nordseelauf in der Form ihrer Leistungsblüte aus den 1980ern gewesen. Christine lief damals regelmäßig in die erweiterte Spitzengruppe des Boston Marathons (2.45) und gewann u.a. den Marathon de Medoc. Angst hätte ich auch vor Thomas Schlei gehabt. Der heutige M50-Läufer lief früher den Marathon in 2:27. Einer der Läufer, der die magische Schallgrenze durchbrochen hat. „Unter zweidreißig und sterben“, lautet das Motto in der ambitionierten Marathonlaufszene. Teil eins davon will ich gerne im Herbst erstmals versuchen… Oder nehmen wir mal den M65er Willi Herr, einen ehemaligen Duellisten von Manfred Steffny bei Senioren-Meisterschaften. Zusammen mit seinem Hund Sissy läuft Willi noch immer jede Woche 80 km. Ein schnelles Wiesel war auch der Hanno Rheineck mal. Er war vielfacher Senioren- Welt-, Europa- und Deutschermeister und sein Repertoire ersteckte sich vom Sprint bis zur Mittelstrecke. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch sein Drang, immer in der ersten Startreihe stehen zu wollen. Das sei ihm gegönnt.

Nur der Sicherheitsabstand von einigen Jahrzehnten bewahrte uns Frontrunner vor den zwangsläufigen Niederlagen. Aber die Zeit vergeht, und nichts ist für die Ewigkeit. So auch die sportliche Leistungsfähigkeit. Ich schaue den älteren Sportkameraden in die Augen. Und ich sehe mich selbst, zwanzig oder dreißig Jahre weiter. So hoffe ich jedenfalls. Den heutigen Alterklassenläufern bleiben die Erinnerungen an tolle Leistungen und legendäre Rennen am Leistungslimit. Und es bleibt der Spaß am Laufen, am unverletzten Laufen, auf anderem Niveau und unter geänderten. Abstellen lässt sich der Leistungswille nur schwerlich. Für viele geht es in den Altersklassenwertungen noch heute um jede Sekunde.

In die Gruppe der Extremleister gehört auf jeden Fall auch Stefan Schlett: Man überlege sich einfach mal eine obskure Laufherausforderung. Die Chancen stehen gut, daß Stefan sie schon absolviert hat. Mit erklommenen 21.403 Stufen ist er der aktuelle Weltrekordhalter im Treppenlauf auf der Rolltreppe. Er lief auf der tiefsten Laufstrecke der Welt in einem Bergwerk einen 50 km Ultramarathon und gewann den Chinesische Mauer-Marathon. Er durchquerte den amerikanischen Kontinent 1992 in sechshundertneunzehneinhalb Stunden, nahm am Everest Marathon in Nepal auf 5200 m Höhe teil und absolvierte einen Fallschirmabsprung direkt über dem Nordpol. Und er absolvierte mit uns den Nordsee-Etappenlauf 2008. Die ausgetretenen Nullachtfünfzehn-Wege verlassen hat sicher auch Björn Grass, der unangefochtene Insellaufkönig. 68 Eilande hat er bislang weltweit unter die Füße genommen, von der Karibik bis Thailand. Nun gibt er seine Leidenschaft als Insellaufreiseveranstalter weiter.

Das Hitzestrandrennen in Juist hatte ganz schön geschlaucht. Vor lauter Schwäche merkte ich nicht einmal wie ein Windstoß meine teuer erkämpften Urkunden langsam in den Dorfbrunnen wehen. Beherzt sprang ich hinterher, um sie noch zu retten, da tutete auch schon das markerschütternde Horn der Fähre, die uns weiter nach Norderney zu Teil zwei des sonntäglichen Laufabenteuers kutschieren sollte. Auf dem Boot verkroch ich mich sogleich in den schattigen Schiffsbauch und hielt ein dringend benötigtes Nickerchen.

 

Für alle die den Hals nicht vollkriegen können - ein lauschiger Sommerabend auf Norderney

Unser Läufchen auf Norderney ist für sieben Uhr abends geplant. Nach unserer Ankunft auf der Insel bleibt nur eine halbe Stunde für die Vorbereitung. Ein Feuerwehrmann öffnet den Hafenhydranten und baut eine leckere Wasserstelle auf. Diese wird reichlich genutzt, denn auf der Laufstrecke gibt es diesmal nichts. Der Start findet direkt auf der Fähre statt. Es geht aus dem Hafengebiet raus ins Grüne, über Deiche und durch das städtisch wirkende Inseldorf hin zur Promenade. Mittlerweile knurrte mein Magen kräftig. Von Bananen und Müsliriegeln kann ja kein Mensch auf Dauer überleben. So beeilte ich mich ins Ziel auf dem Norderneyer Rathausplatz, wo ein Pastastand lockte. Mein Hunger muß wohl der größte gewesen sein, traf ich doch als erster dort ein. Zwar waren die Spaghettis fast kalt, was aber das etwas zu warme Bier wieder ausglich.

Trotzdem war es ein angenehm lauer Sommerabend im Zentrum Norderneys, bei dem wieder viele interessante Gespräche geführt werden konnten. Unter anderem lernte ich den Mann und Trainer der schnellen Christine vom kalifornischen Büffelscheiße Rennclub (das heißt nämlich Buffalo Chips Running Club übersetzt) kennen. Er hatte sich meine Laufbemühungen auf den ersten drei Inseln angeschaut und bot mir nun einige interessante Lauftips für das Marathontraining an. Als etwas schwererer Läufer hätte ich es ja nicht so ganz leicht, meint er. Ständig müsse man seine massiven Knochen und dicken Waden mit sich herumschleppen. Der Trainer empfiehlt mir, meinen Kilometerumfang, die „Mileage“, deutlich zu erhöhen. Das sei das Geheimrezept für Klumpen wie mich. Aber er ist nicht nur Trainer. Im Hauptberuf ist er nämlich Psychologe. Und aus dieser Perspektive empfiehlt er mir einen weiteren Trick. Wie wär‘s mal mit einem Überdistanzrennen, also mit einem Ultramarathon? 50 oder 100 km vielleicht. Wenn man mal ein solches Rennen erfolgreich durchgestanden hätte, würde sich der Kopf ewig daran erinnern und der Respekt vor dem Marathon verschwände. Besonders in der Endphase eines Marathons würde das Wissen, schon mal etwas viel schwierigeres geleistet zu haben, weitere Kräfte freisetzen. So seine Theorie. Vielleicht probiere ich das bei Gelegenheit mal aus.

Die Fährrückfahrt von Norderney steht ganz im Zeichen des Fußball-Vorrundenspiels Deutschland gegen Polen. Kuschelig eng versammelt sich die Läuferschar vor dem kleinen Fernseher an Bord. Es wird schließlich zwei zu null gewonnen, genau wie mein eigenes Laufresultat der beiden Etappen an diesem Tag. Nur einer ist an diesem Abend etwas geknickt. Der liebe Hanno. Denn ich habe ihn auf Juist in der dritten Runde überrundet. Sorry Hanno. Zum Glück ist die folgende Etappe auf Wangerooge ein Ein-Runden-Rennen, wo sich das Überrunden schon prinzipiell eher schwieriger gestaltet.

 

Wie wir die Wangerooger Führungsfahrräder in die Knie zwangen

Das Wetter hält, die Sonne lacht. Meine einzige Sorge auf der Fähre ist, daß ich vergessen haben könnte, einen wichtigen Ausrüstungsgegenstand in meinen Tagesrucksack einzupacken. Nämlich meine Laufschuhe. Sie verstecken sich dann aber zum Glück doch ganz unten in meiner Tasche. Nach den vergangenen drei Etappen lässt die Spritzigkeit bei den meisten Teilnehmern stark nach. Das Rennen startet daher auf Sparflamme, mal sehen was kommt. Auf den gepflasterten Küstenwegen rollt es dann schließlich aber trotzdem ganz gut. Aus Pflaster wird Schotter, und dann geht es plötzlich steil hoch in die Welt der Dünen und sandigen Trampelpfade. Ich bin nicht erfreut. Mühsam quäle ich mich durch das Gebüsch. Von hinten kommt Alex angestürmt und rennt mir einfach davon. Aber auch andere haben Probleme. Auf einmal laufe ich an einem der beiden Führungsfahrräder vorbei, das mit Plattfuß immobilisiert am Wegesrand parkt. Wenig später bleibt auch das zweite Führungsfahrrad im Sand stecken. Darauf haben wir lange gewartet, endlich können mal die Läufer die Führung übernehmen. Geleitet von ausgesprochen hübschen Streckenpostinnen bahnen wir uns den Weg aus dem Dünenlabyrinth. Alex gewinnt schließlich verdient mit 11 Sekunden Vorsprung.

Die Fachpresse hatte übrigens bereits im Vorfeld gerochen, daß der diesjährige EWE Nordseelauf über 8 Inseln in 8 Tagen die Verrücktheitslatte locker überspringt. So waren gleich zwei Fachmagazine über den gesamten Wettbewerb vertreten. Das Running Magazin war durch den prämierten Eventfotograf Ralf Graner vertreten, der mit seinem Zehnkilo-Fotorucksack zahlreiche Hitzegewaltmärsche auf der Jagd nach photogenen Standorten hinlegte. Runners World schickte sogar seinen Chefredakteur Dr. Frank Hofmann. Der Ironman Finisher dokumentierte die Etappenserie hautnah aus der Läuferperspektive und hatte seine Digitalkamera stets schussbereit in der Turnhose. Im Anschluß an die Wangerooger Etappe schlenderte ich mit Frank durch die Inselgassen. Dabei kommen wir auch am Inselfrisör vorbei, der seinen Laden passenderweise „Haar ab“ genannt hat. Ich liebe die direkt friesische Art. Leider bestehen nur freie Kapazitäten für Frank. Hat er vielleicht unbemerkt mit seinem Presseausweis gewedelt? Ich muß mein Hairstyling daher noch etwas verschieben.

 

 

Zuschauerboom auf Borkum

Am folgenden Tag geht es nach Borkum. Unser Shuttlebus sammelt uns wie immer pünktlich in Bensersiel auf. Die Fahrt durch die grünen ostfiesischen Wiesen zieht sich etwas. Als Wegmarke bleibt mir nur der Beate Uhse Sonderpostenmarkt kurz vor Emden in Erinnerung. Vom Emder Außenhafen dauert die Fährfahrt zwei Stunden bis wir die westlichste der ostfriesischen Inseln erreicht haben. Eine Inselbahn bringt uns vom Hafen in den Ort. Gestartet wird direkt auf der attraktiven Promenade. Mittlerweile haben wir schon etwas Routine bekommen und der generelle Ablauf hat sich eingespielt. Es geht 12 km um die sonnige Insel. Ich kenne die schöne Strecke noch vom Borkumer Meilenlauf im Vorjahr und kann mich daher ganz gut orientieren. Die letzten zwei Kilometer geht es bei starkem Gegenwind auf der Uferpromenade Richtung Ziel. Im Gegensatz zu allen anderen Nordseelauf-Etappen, haben wir auf Borkum ein zahlreiches und enthusiastisches Publikum, das uns kräftig anfeuert. Auch Alex und Dirk genießen die tolle Atmosphäre, knapp eine Minute hinter mir. Silvia lässt als Frauensiegerin die zweitplatzierte Regina gleich dreieinhalb Minuten hinter sich.

 

 

Heute sind wir faul - Der offizielle Pausentag

Der folgende Tag ist offizieller Pausentag. Eine vernünftige Einrichtung seitens des Veranstalters. Mehr als die Hälfte der Etappen sind gelaufen, da muß den Laufmaschinen auch mal ein Tag Wartung gegönnt werden. Ich nutze die Gelegenheit und fahre nach der Wangerooge Etappe für zwei Nächte nach Hause ins heimische Bremen. So kann ich der Familie schon mal die Medaillen abliefern, die der kleine Julius gleich in seine Spielzeugkiste räumt. Eine Nacht im eigenen Bett ist schon etwas feines, denke ich. Bis ich um 3 Uhr morgens abrupt aufgeweckt werde. Der Fünfjährige krabbelt ins Elternbett und tritt mir mit voller Wucht in den schlafenden Rücken. Sieht so eine seriöse Wettkampferholung aus? So kann ich nicht arbeiten. Ich ziehe aus. Aus dem Elternbett. Für diese Nacht jedenfalls.

So schön es auch ist, den Pausentag mit der Familie zu verbringen, ganz angekommen bin ich dort nicht, jedenfalls geistig nicht. Denn noch immer befindet sich der Kopf im Rennmodus. Es sind immerhin noch 3 Etappen zu laufen. Eine vollkommene Entspannung will sich nicht einstellen. Vielleicht wäre ein Gammeltag am Veranstaltungsort auch nicht die schlechteste Idee gewesen. Naja, ich geh erstmal zum Frisör.

 

Die Gentlemen von Spiekeroog

Frühmorgens mache ich mich von Bremen aus auf den Weg zurück nach Bensersiel, um den Shuttlebus zum Fährhafen nach Spiekeroog zu erreichen. Eine Warnanzeige im Autocockpit macht mir große Sorgen. Ich kriege aber nicht heraus, was der gute alte Wagen mir eigentlich mitteilen will. Kühlwassermangel? Vorstufe zum Motorschaden? Auspuff abgefallen? Ich wühle in der Gebrauchanweisung und bleibe ahnungslos. Erst Tage später im Autohaus erklärt man mir, daß es fehlendes Scheibenwischwasser war.

Nach der Pause war es schön, die neugewonnenen Lauffreunde wiederzusehen. Auf dem Tagesprogramm standen zwei Runden zu je 6 km auf gepflasterten Wegen durch schöne Dünenlandschaften. Gestartet wurde im kuscheligen Inseldorf. Auf Spiekeroog könnte ich es wirklich ein paar Tage sehr gut aushalten. Zunächst wurde ein Kinderlauf gestartet. Es ging über die gleiche Runde, sechs üppige Kilometer. Trotzdem kam überraschenderweise eine Vielzahl der gestarteten Kiddies im Ziel gesund und munter an. Hier hat keiner abgekürzt, so glaube ich jedenfalls.

Im Anschluß wurde der Hauptlauf gestartet. Der Pausentag hatte die Moral des Führungstrios etwas angefressen, so reifte die Idee, den Lauf um die Hälfte abzukürzen. Wir verabredeten ein Gentlemen's Agreement für die erste Runde, die wir zum gemeinsamen Einlaufen nutzen wollten. Das Rennen sollte erst ab der zweiten Runde starten. Und so machten wir es dann auch. Dank an Alex und Dirk, die es möglich gemacht haben. Zu Beginn der zweiten Runde verabschiedeten wir uns höflich voneinander, und dann wurde es leider ernst. Nach der ersten Steigung schaffte ich es, mich ein paar Meter von meinen Laufkameraden abzusetzen und lief den Rest der Strecke einsam aber durchaus zufrieden zuende.

Prominente Teilnehmerin der Etappe war an diesem Tag Frau Dr. Margot Käßmann, die Landesbischöfin und Schirmherrin der Veranstaltung. Die sympathische Läuferin mischte sich munter unter die Joggerschar und sprach im nach getaner sportlicher Arbeit die „Warmen Worte“ des Tages zum Nordseelaufmotto „Mach nicht halt, lauf gegen Gewalt“. Ein Interview mit der Landesbischöfin gibt es übrigens im Juni-Heft von Runners World, geführt vom EWE Nordseelauf-Teilnehmer Frank Hofmann.

 

Hindernislauf auf Baltrum

Die vorletzte Etappe führte uns nach Baltrum, der kleinsten der bewohnten ostfriesischen Inseln. Und Baltrum heißt Baltrum, weil man bald rum ist, so wird uns erklärt. Man bittet uns daher auf zwei Runden, die jeweils knapp über 5 km messen. Tja, so ganz kann es also nicht stimmen mit dem „bald rum“, besonders wenn man auf Runde zwei schon etwas nach Luft schnappt. Wieder haben die Organisatoren ein paar Wiesen- und Dünenwege in den Parcours eingebaut. Für die Streckenpräparierung wurden einheimische Kaninchen als Helfer angeworben, die mit viel Sachverstand komplexe Lochserien in die Strecke integrierten. Auf dem letzten zu durchlaufenden Wiesenstück hatte man dankenswerter noch abgemähtes Gras über die Sandpassage gelegt, so daß man die darunter versteckten Kaninchenlöcher nicht mehr sehen, sondern nur noch fühlen konnte. Ich bin nicht allzu traurig, als auf der ersten Runde eines der Führungsfahrräder wie schon auf Wangerooge im selbstgewählten Sand stecken bleibt und aufgeben muß.

Es ist zwar Freitag der 13. (Juni), aber ich bleibe zum Glück vor größerem Unheil verschont. Noch besser, ich kann auch diese Etappe für mich entscheiden und so mit beruhigtem Vorsprung auf die Wattetappe am folgenden Tag gehen, vor der ich mangels Matschlauf-Erfahrung großen Respekt hatte.

 

Heute machen wir uns dreckig - Neuwerk nach Cuxhaven

Es fuhren zwei Fähren nach Neuwerk, die erste um 6 Uhr in der Früh, die zweite um gesittete 9 Uhr. Da ich auch sonst noch nie etwas bei Lotterien, Preisausschreiben oder gar Nordseelauf-Tombolas gewonnen hatte, wunderte es mich nicht, daß ich auf die Frühfähre gelost wurde. So begann mein Schlussetappentag bereits um vier Uhr morgens, als ich verschlafen in Bremen ins Auto sprang, um die A27 nach Cuxhaven hochzueilen. Bei Ankunft am Cuxhavener Anleger sah ich schnell ein, daß es augenscheinlich noch andere Mitstreiter getroffen hatte. So wurden die zehneinhalb Stunden bis zum Startschuß erstaunlich kurzweilig.

Alex hatte es noch etwas härter getroffen als mich. Er war um 3 Uhr in Hamburg losgefahren und war bereits eine Dreiviertelstunde vor dem Ablegen an Bord. Sein Juister Flugerlebnis hatte offensichtlich positive Spuren hinterlassen. An Bord habe ich nun auch endlich ausführlich Gelegenheit, mich ausführlich mit dem Extremsportler Stefan Schlett zu unterhalten. Es ist ein wahres Vergnügen zu hören, was er schon alles so getrieben hat. Auf Neuwerk angekommen, marschierten wir stracks zum Gasthof Fock, der sich als ideales Hauptquartier entpuppte. Hier konnte man im Heu einer Scheune dösen, Pasta auf langen Bänken futtern oder sich über knotenlose Schnürsenkel informieren. Mit Alex und Frank machte ich ersteinmal eine Inselumrundung. Wir besuchten dabei den Friedhof der Namenlosen, schauten den Ozeanriesen der Elbmündung hinterher und erspähten die Ölförderplattform Mittelplate, die einen Teil meines Gehalts erwirtschaftet. Beim Rasenschach auf dem Campingplatz ließ ich mich als Schiedsrichter einteilen, konnte aber auch nicht verhindern, daß Vorjahres-Nordseelaufsieger Alex vom Runners World Chef matt gesetzt wurde.

Gegen 10 Uhr trafen dann endlich auch die Langschläfer unter den Nordseelaufkollegen ein. Nun wurde es etwas voller, aber niemals richtig eng. Etwa zwei Stunden vor dem Start mußten wir dann unsere Sporttaschen auf Wattwagen verladen. Heute hatten wir Glück und es war nicht allzu kalt. Ich kann trotzdem nur jedem Teilnehmer für zukünftige Auflagen empfehlen, warme Altkleidung mitzubringen, die einen bis zum Beginn des Laufes warm hält und anschließend zurückgelassen werden kann.

Die Königsetappe von Neuwerk nach Cuxhaven führt 11 km durch Nordseematsch. Ein Lauf über nur kurzfristig von den Fluten freigegebenen Nordseeboden. An mindestens zwei Stellen müssen tiefere Wattkanäle bezwungen werden. Weite Bereiche der Wattstrecke sind mit Pfützen oder einem dünnen Wasserfilm belegt. Hier lohnt es sich, eine gute Laufstrategie parat zu haben. Mit am Start war auch der Cuxhavener Lokal-Matador Matthias Wilshusen, der die Etappe wie seine Westentasche kannte und bereits dreimal hier gewonnen hatte. Im Jahr zuvor war er, statt die Fähre zu nehmen, vom Festland nach Neuwerk zum Start herübergelaufen. Durch eine gewitterbedingte Startvorverlegung mußte er dann aber dem Feld mit großem Rückstand hintersprinten und verpasste daher damals den Sieg unglücklich.

Der Start erfolgte pünktlich um 16:30 auf dem Neuwerker Außendeich, ausgelöst per Funkwecker. Nach 500 m Wiesenhoppeln machte die Laufstrecke eine kleine Biegung. Und führte direkt ins offene Meer. Der Boden war zunächst zwar fest, aber es gab trotz Ebbe vereinzelte Pfützen. Matthias lief zügig voran, ich versuchte an ihm dranzubleiben. Während ich zunächst noch um die Pfützen herumzulief, behielt der langbeinige Lokalmatador seinen Kurs unbeirrt bei. Schnell bemerkte ich meinen Anfängerfehler und machte es ihm nach. Schnell wurde klar: Naß und dreckig werden wir hier heute alle. Trotzdem konnte ich ihm kurz darauf kräftemäßig wenig entgegensetzen und mußte ihn ziehen lassen. Immer wieder passierten wir Wattwandergruppen, unsere eigenen Begleitfans und Wattreiter. Auf halber Strecke gab es sogar einen Bierwagen, den ich aus Zeitnot leider auslassen mußte. Hinter einem der beiden Priele hatte sich Running Fotograph Ralf postiert. Zum Zweck maximaler Schadenfreude und Fotoausbeute hatte er der an diesem Tag faulenzenden Walker-Läuferin Petra auch noch eine zweite Kamera in die Hand gedrückt. Oh, wie photogen wird es, wenn Erwachsene zu schlammspritzenden Kindern werden…

Ganz gegen meine Gewohnheit schaute ich mich an diesem Tage ein paar mal nach meinen Konkurrenten um. Aber zum Glück kam niemand. So konnte ich einen Gang herunter schalten und die Etappe einfach nur genießen. Aber um ehrlich zu sein, viel schneller hätte ich auch nicht gekonnt. Von der Kondition wäre es vielleicht noch gegangen, aber der fehlende Gripp unter den Sohlen war schon ziemlich frustrierend. Ähnlich muß es wohl auch dem Jürgen, Mitausrichter des Baldeney-Marathons in Essen, vor ein paar Jahren gegangen sein. Vor der finalen Neuwerk-Etappe hatte er noch in der Gesamtwertung in Führung gelegen und dann im Nordseeschlick alles verloren. In Wattmatsche und Tiefsand kommt auch meine Maschine einfach nicht ordentlich ins Rollen. Schlußendlich komme ich dennoch glücklich als Zweiter hinter Matthias ins Ziel. Ein einzigartiges Erlebnis, dieser Wattlauf.

Die Nordseelauf-Gesamtwertung hingegen kann ich für mich entscheiden, worüber ich mich sehr freue. Dies nutzt Moderatoren-Tier Dominik bei der Siegerehrung gleich schamlos aus und verpasst mir einen hinterhältigen Urkundenschmatzer auf die Wange. Trotzdem verzeihe ich ihm. Denn seit dem Nordseelauf bin ich uneingeschränkter Fan von ihm. Er gewinnt den Moderatoren-Wettbewerb im engen Cuxhavener Festzelt gegen FFN deutlich mit 4:1. Im Frauenwettbewerb des EWE Nordseelaufes erhält Silvia volle Punktzahl. Acht Inseln, acht Siege. Sehr eindrucksvoll.

 

Was bleibt unterm Strich?

Wir liefen über Schotter, Asphalt und Pflaster. Auf versteckten Dünenpfaden rannten wir uns die Lunge aus dem Körper. Es ging durch weichen Tiefsand und über frischgemähte Deichwiesen. Meist erstrahlte über uns die Sonne. Einige fehlgeleitete Tropfen vermochten nicht unser Lauferlebnis zu stören. Die Eindrücke der Inseln beginnen sich allmählich zu vermischen. Details verblassen und die Höhepunkte kristallisieren sich langsam aus der Matrix heraus. Im Laufe der Woche verlor ich einen Teil meiner Ausrüstung. Drei Becher Joghurt vergaß ich im Hotelkühlschrank. Eine Jutetasche mit zwei goldgelben Bananen kreuzen noch immer an Bord der MS Flipper zwischen Cuxhaven und Neuwerk hin und her. Auf Wangerooge kam mir eine rechte Laufsocke abhanden. Auch war meine Sporttasche nicht immer zu meiner vollsten Zufriedenheit gepackt gewesen. Auf Spiekeroog hatte ich kein Handtuch dabei. In Baltrum mußte ich in normalen Straßensocken laufen und in Cuxhaven, tja in Cuxhaven hatte ich keine frische Wechselunterhose dabei.

Warum sind wir beim Nordseelauf mitgelaufen? Acht mal Stress in dichter Abfolge. Auch ist es nicht gerade billig, und eine Woche Urlaub kostet es noch obendrauf. Zu gewinnen gibt es im Prinzip fast nichts. Zwar bin ich nun stolz Besitzer von acht irgendwie ähnlichen Führungstrikots, zugegebenermaßen praktische Funktionsshirts. Ich habe Medaillen und Urkunden bekommen, sowie ein Sweatshirt der Größe XL. Aber der Wert der Gaben ist überschaubar. Und das ist genau richtig so. Denn um materielle Gewinne geht es bei diesem Etappenlauf am allerwenigsten. Es geht vielmehr um die Suche nach ausgefallenen Herausforderungen in der heutigen Zeit. Nach Zielen, die den Alltagstrott durchbrechen vermögen und Akzente setzen. Es steht jedem jederzeit frei, auf alle sieben Ostfriesischen Inseln individuell zu reisen. Man könnte es einfach machen. Aber das bloße Hinreisen füllt noch nicht aus. Es bedarf einer konkreten Aufgabe. Zum Beispiel mit dem Hintergedanken, ein Reagenzgläschen Sand einzusammeln, die Speisekarte eines Inselrestaurants zu entwenden, sich mit dem Ortsschild zu fotografieren oder die Fährfahrkarte in ein Sammelalbum einzukleben. Ein Insellauf reiht sich hier nahtlos ein, bildet aber eine intensivere, natürlichere Beschäftigung mit dem besuchten Ort. Siege, Platzierungen, Zeiten sind zumindest für einige nicht ganz unwichtig, aber oft auch schnell wieder vergessen. Hauptmotivation ist für die meisten sicher das Lauferlebnis. Das Ungewöhnliche.

Dazu tritt das Zusammenerleben in der Laufgemeinschaft. Mehr als eine Woche touren wir. Das schweißt zusammen. Gemeinsam meistern wir Hitze, Schlafentzug und Erschöpfung. Bereisen den Ozean und die ostfriesischen Provinzstraßen. Fressen uns durch Haufen von Spaghetti und Penne in verschiedensten Variationen und Qualitäten. Wir hören zünftige Blasmusik, Drehorgelkonzerte und Gitarrenensembles, meist wohlklingend, manchmal auch etwas schräg. Und noch nie habe ich so viele nette Läufer im ausführlichen Gespräch kennen gelernt. Vom ehemaligen Olympiateilnehmer bis hin zum Laufanfänger. Lieber Nordseelauf, vielen Dank für eine unvergessliche Woche!

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Eine ausführliche Nordseelauf 2008-Fotoserie von Frank Hofmann findet Ihr auf der Runners World Webseite. Artikel über die Veranstaltung erscheinen in den Juli-Ausgaben von Runners World sowie Running.

 

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