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Über stürmische Deiche und Dünen:
Der 3. Norderney Marathon / 1. Norderney Halbmarathon
21. September 2003

Ergebnislisten hier

 

Es war noch tiefe Nacht als der Wecker um 04:30h klingelte. Der Tag des Norderneyer Marathons und Halbmarathons war noch klein an Stunden als sich insellaeufer.de aus seinem Bett herausrollte, um mit seinem kleinen Flitzer über verlassene Autobahnen, vorbei an gespenstisch rot flackernden Windmühlenparks nach Norddeich Mole zu rollen und im sonntäglichen Morgennebel die 07:30 Frühfähre zur Insel Norderney zu besteigen. Die etwas reisemüde Familie wurde diesmal zuhause gelassen, auch weil es nicht gelungen war, den Norderneyer Hoteliers eine Unterkunft für nur eine popelige Nacht für einen Preis von unter   250,- EUR zu entlocken. An der Fähre warteten bereits 70 weitere Sportskameraden, die dem sportlichen Tagesausflug entgegenfieberten. Die schaukelige Überfahrt deutete bereits an, daß heute nicht nur gegen die Schwerkraft gelaufen werden mußte, sondern auch ein windiger, horizontal-gerichteter Gegner zu erwarten wäre. Um Mißverständnissen vorzubeugen: insellaeufer.de machten die paar Wellen natürlich gar nichts aus, konnte er doch in seiner Kindheit schwersten Seegang bis Orkanstärke auf zahlreichen Überfahrten zu seiner ehemaligen Heimatinsel Helgoland ausreichend trainieren. Im Norderneyer Hafen angekommen erwarteten uns bereits zwei Shuttle Busse, die uns in wenigen Minuten zum Startgelände brachten.

Im Laufangebot waren ein halber und ein ganzer Marathon, mit schließlich 130 bzw. 250 Teilnehmern. Die Hinzunahme des Halbmarathons ins Programm muß als geschickter Schachzug der Organisatoren angesehen werden, konnten sich hier doch diejenigen Norderney-Liebhaber austoben, denen die ganze Strecke noch zu lang war oder die erst in den darauffolgenden Wochen bei einem der großen Citymarathons zuschlagen wollten. Ich wählte den Halbmarathon, da ich mich erst in Köln zwei Wochen später ganz verausgaben wollte und außerdem meinem Vereinskameraden Frank "Marathonman" Themsen nicht vor den Füßen herumtrippeln wollte. Ich hatte mich die Wochen zuvor gewissenhaft auf den Lauf vorbereitet. Zunächst war ich eine Woche lang an litauischen Hauptverkehrsstraßen gejoggt und hatte mich beim abschließenden Wettkampf in der Hauptstadt Vilnius bei den 10 km Straßenlaufmeisterschaften von einem Dutzend baltischer Schnellläufer demütigen lassen. Die folgenden drei Tage konnte ich dann im Londoner Hyde Park trainieren, wobei ich mir auch nicht zu schade dafür war, mich von der Park-Politesse nach der offiziellen abendlichen Schließungszeit unter wilden Beschimpfungen herauseskortieren zu lassen.

Zurück in der Bremischen Heimat sorgte ich mich dann über einen nervenden Dumpfschmerz in den Zehen des rechtes Fußes. Nach einigem Grübeln machte ich mich widerwillig an das Studium meiner Laufschuhe. Ich gestehe, ich schaue nur sehr selten unter meine Schuhe, etwa ebenso selten wie ich die Motorhaube meines Autos öffne. Ich entdeckte Schlimmes: Der seitliche Rand meiner New Balance 854 war bis zum Schaumstoff-Unterbau abgelaufen. (Nebenbei eine Kurzmitteilung an den Chef von New Balance: Wehe Ihr versucht nochmal diesen Schuh aus Eurem Sortiment zu streichen. Dies ist der EINZIGE Laufschuh, der auf meine wählerischen Füße paßt!!). Ein neuer Schuh mußte her, dringend. Mit der Kneipen-verdächtigen Bestellung "das gleiche wie immer" begrüßte ich den Verkäufer in meinem favorisierten Bremer Laufladen und erhielt umgehend ein frisches 854-Exemplar. Mit dem gut gemeinten (aber gleich zurückgewiesenen) Vorschlag des Verkäufers, doch diesmal die Fersenkappen nicht abzuschneiden (zur Achillessehnenschonung, sehr empfehlenswert!) verließ ich den Laden wieder, in Seele und Portemonnaie erleichtert. Da waren sie, die neuen Schuhe für Norderney.

Die Laufstrecke des Marathons und Halbmarathons ist identisch und besteht aus einer kleinen Runde durch die Norderneyer Nordhelm-Siedlung und einer großen Runde über Deiche und Dünenpfade im unbebauten Mittelteil der Insel. Die Marathonis mußten beide Runden entsprechend doppelt durchlaufen. Im Gegensatz zum wuseligen, publikumsgetriebenen Norderney 10km-City Abendlauf, handelt es sich beim Marathon/Halbmarathon um einen Landschaftslauf durch schönste Inselgegenden. Die Strecke war gut mit blauen Pfeilen gekennzeichnet und mit Streckenposten und Führungs- bzw Endfahrrädern gesichert. Die Wege sind meist gespflastert oder asphaltiert mit einer kürzeren Wiesenpassage nahe dem Flughafen. Den Veranstaltern sei dafür gedankt, daß sie der Verlockung widerstanden haben, strandige Tiefsandstrecken in die Runden einzubauen.

Der Startschuß ertönte pünktlich gegen 10:00h. Es war beachtlich, wieviele Lokal-Honoratioren sich eingefunden hatten, um den Beginn des Wettkampfes mitzuerleben. Hatte man sie etwa mit Freisekt gelockt? Am Start waren auch einige RTL-Schauspieler, die den Lauf zum Betriebssport nutzten. Die kleine(n) Runde(n) waren schnell abgehakt, das erstaunlich zahlreiche Publikum konnte sich so die Kämpfer in den Zielvorbeiläufen noch genauer angucken, bevor es dann auf die große Inselrunde ging. Der ostgerichtete Ast der Strecke war ein wahrer Traum: Sonne und kräftiger Rückenwind verlieh uns Läufern regelrechte Flügel (nein, nein, Red Bull gab es erst im Ziel zu trinken) und verleitete den einen oder anderen (darunter auch meine Wenigkeit) zu überpowern. Der Gedanke an die Endlichkeit des Paradieses tritt beim Menschen halt meist nur verzögert auf. Allmählich wurde jedoch immer klarer, daß der zweite Teil der Strecke gegen den West-Sturm anzukämpfen sein würde - und das in hügeligem Sanddünen-Terrain. Die Startnummer entpuppte sich plötzlich als bremsendes Segel. Die windigen Anstiege schienen länger und länger zu werden. Zu allem Überfluß mußten wir Halbmarathonis während des Laufes noch mathematische Aufgaben lösen, ein schwieriges Unterfangen, wenn der Hirn-Sauerstoff eigentlich ganz woanders gebraucht wird. Die Kilometermarkierungen auf der Strecke waren nämlich nur für den Marathon angegeben, wir "Halben" mußten nun jeweils 42,195 minus Kilometermarkierung rechnen, um die noch verbleibende Laufdistanz zu ermitteln.

Wie auch immer, Schinkennudeln und Mittagsschlaf im Zusammenhang mit den neuen, wunderbaren Schuhen führten wohl schließlich dazu, daß sich Insellaeufer.de nach 1:16:40 als erster in den Halbmarathon-Zielkanal schleppen konnte. Gewinner über die volle Distanz wurde in 2:48:12 der Vorjahressieger und LG Bremen-Nord-Clubkamerad Frank Themsen, der samt Familie bereits 3 Tage vorher auf Norderney eingetroffen war, um Windverhältnisse und Abkürzungsmöglichkeiten zu studieren. Seine Strategie "stark beginnen und dann langsam eingehen" war schließlich von Erfolg gekrönt. Um seinen Antrag zur Aufnahme in den 100-Marathonclub weiter zu stärken, wird er am nachfolgenden Wochenende den Berlin-Marathon unter die Füße nehmen. Den Marathon bei den Frauen gewann Ingrid Jürgens vom SUS Stadtlohn in 3:33:01 knapp vor Christiane Schmiedel. Irmi Hartmann (TV Norden) siegte im Halbmarathon der Frauen in 1:34:33.

Den Organisatoren und den 80 Helfern ist wieder einmal eine tolle Veranstaltung gelungen. Prima waren unter anderem die gut bestückten Verpflegungsstände, die ausgezeichnet geplante Start/Ziel-Servicelogistik, das verbilligte Fährticket, Teilnehmer-T-Shirt, Goodie-Jute-Tasche und Massagezelt. Der Sturmwellensender sorgte im Zielbereich für eine abwechslungsreiche Moderation mit viel Musik. Für die übernachtenden Läufer wurden an den Abenden vor und nach der Laufveranstaltung Feten angeboten. Zu verbessern gäbe es eigentlich nicht soviel. Ein paar mehr Toiletten wären vielleicht ganz praktisch. Ansonsten könnte man über den Bau eines 10 km langen Tunnels unter den Dünen nachdenken, in dem die Läufer vor dem Westwind geschützt werden, wobei der Rückenwindvorteil auf dem ost-gerichteten ersten Teil der Runde viele neue Bestzeiten produzieren würde.

Fazit: Der Norderney Marathon/Halbmarathon sollte in keiner Landschaftslaufsammlung fehlen. Wind und Wetter sind in traumhafter Landschaft dabei das Salz in der Suppe. Ein kleiner Norderney-Urlaub um den Lauf herum böte sich an.

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