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Viermal um das Parlament:
Der "Maxima" 10 km Lauf in Vilnius, Litauen
13. September 2003

Den Text für das Siegerinterview hatte ich mir schon parat gelegt. Ein wenig peinlich wäre es mir gewesen, dass ich den litauischen Läufern den Sieg so schnöde wegschnappe, war doch laut Ausschreibung ein wichtiges Ziel der Veranstaltung, das Laufen in Litauen populärer zu machen. Aber es wäre ja nur gerecht gewesen. Im Fussball konnten wir die Litauer kürzlich nicht schlagen, im Basketball haben sie uns deklassiert und von der EM frühzeitig nach Hause geschickt. Von litauischen Läufern hatte ich allerdings noch nie was gehört, geschweige denn etwas von ihnen auf den Straßen und Wegen während meines einwöchigen Familienbesuchsaufenthaltes gesehen. Das kleine baltische Land von nur dreieinhalb Millionen Einwohnern, also vergleichbar mit dem Großraum Berlin, ist augenscheinlich von der Joggingwelle noch nicht erreicht worden. Meine Trainingsstrecken führten überwiegend an stark befahrenen Straßen entlang, da die meisten Wald- und Parkstrecken angeblich zu gefährlich waren. Auf der einen Wiese holte ich mir im Vorjahr zwei Zecken, im nahe gelegenen Park wurden wohl mal Wanderer umgemordet, so dass dieses Gebiet von der Ehefrau kurzerhand zum no-go-area erklärt wurde.

Zweihundert Teilnehmer fanden sich schließlich zum von der riesigen Supermarktkette "Maxima" gesponsorten, startgeldfreien 10 km Rennen in der litauischen Hauptstadt Vilnius ein, wobei es viermal einen Rundkurs um das Parlament zu durchlaufen galt. Bei schönstem spätsommerlichem Sonnenschein starteten zuvor unzählbare Massen von, aus der ganzen Republik herbeigekarrten, Schulkindern. Nachdem die ersten Raser den Zielstrich überquert hatten, staute sich das allmählich eintreffende Hauptfeld bereits vor der Ziellinie. Die besten Platzierungen erhielten zwangsläufig die, die sich direkt zu den beiden Kampfrichtern durchboxten, und ihnen den Abreisszettel von der Startnummer aufdrängten.

Frohen Mutes machte ich mich ans Einlaufen. Das Feld schien aus dem üblichen Querschnitt begeisterter Volksläufer zu bestehen, bis – ja bis ich einige ziemlich durchtrainierte Läuferbeine und ihre Besitzer zu Gesicht bekam. Wir selbsternannten Laufexperten können zuweilen ja auch schon am Laufstil erkennen, ob ein Gegner etwas "drauf" hat oder nicht, und diese Laufherrschaften schienen zu wissen, wozu sie hergekommen waren. Zur weiteren "Motivation" teilte mir die liebe Ehefrau kurz vor dem Startschuss noch mit, dass es sich übrigens um die Litauischen Strassenlaufmeisterschaften handelte und nicht, wie ich angenommen hatte, um einen x-beliebigen Stadtlauf.

Der altbewaehrte Trick, sich der Startlinie von vorne zu nähern, um so in die erste Startreihe zu kommen, klappte auch in Litauen. Zwar redete der Offizielle mehrfach von "trallallalla linija trallallalla" (zu meiner Schande ist mein Litauisch ist auch nach fast 10 Jahren internationaler Ehe noch rudimentär), allerdings machte es schließlich auch nichts aus, dass wir halt einen Meter weniger zu laufen hatten. Der Startschuss ertönte, die Meute hetzte los wie nichts Gutes. Naja, typischer Anfängerfehler, dachte ich mir, die werden im zweiten Teil des Rennens schon sehen, dass sie dafür zahlen müssen.

Der erste Kilometer war für mich, an 10. Stelle liegend, in 3:09 abgehakt, etwas zu schnell für mein Wunschtempo von 3:20 pro Kilometer (hätte eine Endzeit von 33:20 min ergeben). Nach drei Kilometern zog die erste Frau vorbei, ein zierliches 1,50m Persönchen, mit undurchschaubarer, gelber Sonnenbrille. Ich guckte mir ihren Laufstil ganz genau an, und stellte fest, dass sie auch nur Bein vor Bein setzte, wie alle anderen. Ich wunderte mich, dass das bei mir nicht auch so gut klappen konnte. Kurz kam mir der Gedanke, dass man wie beim Boxen Gewichtsklassen einführen sollte – immerhin schleppte ich mehr als 30 kg mehr durch die Gegend (aber meine Beinchen waren auch ein paar cm länger, das sollte fairerweise auch in die Formel mit rein).

Die erste Runde zahlte ich Lehrgeld und musste untätig zusehen, wo die besten Abkürzungen im Parcours versteckt waren. An vier Stellen überholten mich Wagemutige, die Lücken in der Absperrung entdeckt hatten und so spitzwinklige Ecken genüsslich umkurvten. Nur die schnelle Dame ein paar Meter vor mir schien sich an den offiziellen Kurs zu halten, so dass ich als wahrer "Gentleman" diesen groben Betrug natürlich nicht mitmachen konnte (!?). Zuschauer gab es im Prinzip fast keine, an einer Stelle musste man sogar einkaufswütige Passanten geschickt umkurven. Nach 33:39 erreichte ich dann das Ziel, womit ich eigentlich ganz zufrieden war. Der Sieger war allerdings schon nach etwa 30-Minuten im Ziel angekommen und elf weitere Sportsfreunde hatten es augenscheinlich auch etwas eiliger als ich, darunter auch die erwähnte Schnellläuferin, die mir im Ziel etwa 40 Sekunden abgenommen hatte. Zum Glück gab es für jeden eine Teilnehmermedaille, die ich dann am Wettkampftag stolz mit mir herumtrug und wofür ich beim anschließenden Supermarkteinkauf auch gleich noch zwei Plastiktüten geschenkt bekam.

Fazit: Definitiv ein neuer Länderpunkt für meinen Verein, die LG Bremen-Nord, da ich mir nicht vorstellen kann, dass von uns schonmal jemand mit Turnschuhen hier war. Angesichts der Tatsache, dass die komplette litauische Lauf-Nationalmannschaft am Start war, sollte man mit dem zum 13. September passenden 13. Platz gut leben können. An die Fussballer und Basketballer gerichtet, tut es mir leid, dass es mit der Revanche nicht so gut geklappt hat. Vielleicht sollten wir unsere Hoffnungen auf andere Sportarten setzen. Wie wäre es z.B. mit Wettkampfmikado, ein Wettbewerb den die Litauer noch nicht so gut beherrschen.

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