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Elf Kilometer zwischen Äpfeln und Birnen:
Der 10. Krautsander Insellauf

(3. Oktober 2007)

Von Sebastian "Inselläufer" Lüning

 

Es gibt ganz verschiedene Inseln. Große und kleine, platte und gebirgige, warme und kalte. Und dann gibt es auch noch Inseln die vom Meer umschlossen sind und solche die in Flüssen liegen. Zu letzterer Sorte gehört die Insel die auf den wohlklingenden Namen „Krautsand“ hört. Es ist dies eine Elbinsel, unweit der berühmt-berüchtigten Fährverbindung Wischhafen-Glückstadt. Krautsand liegt halbwegs zwischen Hamburg und Cuxhaven, mit maximalmöglichem Abstand zum bundesdeutschen Autobahnnetz. Wer die Insel Krautsand erlaufen will, muß bereits auf dem Weg dorthin unweigerlich ein paar Gänge herunterschalten. Für die Eingewöhnung auf den gemäßigten Inselrhythmus gibt es reichlich Zeit. Map24.de prognostiziert allein von Bremen aus dorthin eine Reisezeit von 1h:45min, mein Navi drohte anfangs sogar eine um zehn Minuten längere Fahrtdauer an.

 

Morgens früh am Tag der Deutschen Einheit. Die Straßen sind noch menschenleer, die Nation liegt noch in den Federn, der Verkehrsfunk dauert keine 10 Sekunden. Das Expeditionsteam nach Krautsand besteht aus dem 4-jährigen Nachwuchsläufer Julius und meiner eigenen Wenigkeit. Die holde Frau hatte sich den Vorwochen den Schreibtisch zu voll geladen und beschloss, den Tag arbeitend am Computer zu feiern. Mit dabei auch ein Ungetüm von Drahtgestell, der Baby Jogger II. Die Frau hatte ihn schon lange auf den Sperrmüll stellen wollen, am heutigen Tage sollte der große Wert der Investition eindrucksvoll bewiesen werden. Denn ohne das Gerät hätten wir gar nicht erst nach Krautsand aufbrechen können, wären uns die Wunder der Inselwelt verschlossen geblieben.

 

Schon zu dieser frühen Stunde strahlt die Sonne eifrig vom Himmel. Dazu ist es allerdings noch knackig kalt, es sind gerade mal 4°C. Nebelschwaden ziehen über die Felder, nur langsam können die Sonnenstrahlen sie vertreiben. Nach 50 km Autobahn folgt der spannende Teil. Durch Felder und Wälder, über Alleen und kurvige Landstraßen geht es eine Stunde gemächlich nach Nordosten. Ortsnamen die zuvor noch nie an mein Ohr gedrungen waren. Gemeinden wie „Mittelstenaher“. Auch beim zweiten Hinschauen auf das Ortsschild konnte ich den Namen noch nicht richtig erfassen. Dichterisch wertvoll hingegen das gereimte „Moorausmoor“. Besteht dieses Moor möglicherweise aus Moor, oder ist das Moor bei Moorausmoor möglicherweise zuende, das heißt aus? Kurz darauf führt uns der Weg durch den Ort Hemmoor und ich verwerfe zweitere Hypothese wieder. Schließlich endet die norddeutsche Sumpflandschaft abrupt und wir erreichen einen große Strom. Die Elbe.

 

Ein Schild zur „Ferieninsel Krautsand“ und zum „Insellauf“ weist uns den Weg. Eine klapperige Holzbrücke spannt sich über einen wenige Meter breiten Priel, der klägliche Rest der einst stolzen Süderelbe, die im Laufe der Jahrhunderte allmählich auf Kosten der Norderelbe verschlickte. Bis 1936 konnte Krautsand vom Festland nur per Fähre aus erreicht werden. Danach wurde eine Straße auf die Insel gebaut. Seit Fertigstellung des "Großen Deiches" 1978 hatte es sich dann auf Krautsand endgültig ausge-inselt. Die stolze Krautsander Insel-Geschichte im Hinterkopf gaben wir Krautsand (ebenso wie Nordstrand übrigens) eine Ausnahmegenehmigung und erteilten dem Eiland Gültigkeit für die Inselläufer-Rangliste.

 

Auf der Insel angekommen galt es nun den Lauf ersteinmal zu finden. Er sollte am Leuchtturm starten. Im Navi hatte ich glücklicherweise einen Leuchtturmweg gefunden. Dort angekommen, begrüßt uns ein schmucker, alter Leuchtturm - aber kein Lauf. Eine spontane Passantenbefragung ergibt, daß es einen weiteren, neuen Leuchtturm im Ort gibt. Und in der Tat, dort ist mehr los. Die freiwillige Feuerwehr trennt die eintreffenden Fahrzeuge in Läufer- und Nicht-Läufer-Autos. Erstere erhalten einen kostenlosen Parkplatz auf einer feuchten Wiese, letztere müssen sich im kommerziellen Parkplatzbereich um die wenigen Stellplätze schlagen. Denn zeitgleich mit dem Lauf findet hinterm Deich ein Antik-Flohmarkt mit Ponyreiten statt.

 

Die Sonne strahlte immer noch eifrig vom Himmel, die Temperaturen hatten mittlerweile angenehme, spätsommerliche Dimensionen angenommen. Drei Tage zuvor hatte dies noch alles ganz anders ausgesehen, als der Autor durchnäßt und verfroren den Bremer Halbmarathon im herbstlichen Schmuddelwetter absolviert hatte. Mit 1h 17 min gab es dafür im Gesamtklassement den 8. Platz. Konnte diese Platzierung auf Krautsand möglicherweise noch verbessert werden?

 

Die Startnummer gab es im Austausch gegen günstige 4 Euro. Eine lobenswert umweltfreundliche Nummer aus Stoff, die vom Veranstalter anschließend wieder eingesammelt wurde und so vielfach wieder verwendet werden wird. Die verbleibende Stunde bis zum Beginn des Laufes verbringen wir auf dem Flohmarkt, Proviant für den im Baby-Jogger-II mitlaufenden Julius. Denn neben den läuferischen Herausforderungen sind heute noch weitere Fähigkeiten gefragt. Und dazu gehört vor allem, den Passagier während des gesamten Laufes bei Laune zu halten. Eine große Tüte Popcorn ist schnell gefunden, zudem haben wir Getränke und Gummibärchen an Bord. Das Dach des Baby Joggers bauen wir kurzerhand wegen des tollen Wetters ab, um noch aerodynamischer zu werden. Den Rest der Wartezeit verbringen wir am 4 km langen Sandstrand, der in der Tat reichlich Inselflair versprüht. Träge schwappt die Elbe auf den Sand. Nur a b und zu verstärken sich die Wellen, wenn wieder ein Containerschiff auf dem weiten Weg nach Übersee an der Insel vorbeigezogen ist.

 

Der Start befindet sich auf der Elbseite des Deiches. Etwa hundert Läuferinnen und Läufer haben sich eingefunden um die 11,111 km Runde zu absolvieren. Auf der Strecke werden wir allerdings nur einen Teil der Insel kennenlernen, denn die zieht sich ganze 16 km in die Länge, bei einer Breite von nur 3 km. Nach einer kurzen Sicherheitsbelehrung und dem innigen Wunsch, doch bitte nicht mit Freizeitradlern zu kollidieren, geht es auf die Reise. Mit unserem Babyjogger sind wir natürlich um einiges sperriger als die meisten anderen Teilnehmer. Wir lassen es langsam angehen, halten uns im hinteren Bereich auf und versuchen die Mitläufer nicht zu behindern. Nachdem die ersten Kurven im dichten Läuferfeld kollisionsfrei umschifft sind, tun sich irgendwann die ersten Lücken auf. Stück für Stück arbeiten sich Klein-Julius und die väterliche Antriebsmaschine nach vorne. Durch die abrupten Zwischensprints geriet ich versehentlich etwas außer Atem. Dies blieb dem Vierjährigen nicht verborgen, worauf er sich fachmännisch erkundigte, ob ich denn jetzt schon erschöpft wäre. Vermutlich machte er sich Sorgen, daß die Fahrt fernab des Autos verfrüht enden könnte. Überhaupt verlangt das Baby-Jogger-Wettkampflaufen Multitasking Talente. Neben dem eigentlichen, einhändigen schnellen Laufen, gilt es den Wagen um enge Kurven zu manövrieren, keine Mitläufer zu überfahren, und das Gefährt einhändig rhythmisch nach vorne zu stoßen, teils gegen signifikante Windwiderstände. Aber am aller anstrengendsten ist es, sich trotz knapper Luftreserven noch nonstop mit dem Fahrgast zu unterhalten. Und trotz allem macht es natürlich viel Spass, wenn der Vater mit dem Sohne mal einen Ausflug macht...

 

Nach einiger Zeit lichtet sich das Feld. Wir haben uns in den vorderen Bereich vorgearbeitet. Die schnellsten fünf waren bereits auf und davon, nur auf den langen Geraden konnte man sie noch in der Ferne erspähen. Auch hinter uns klaffte bereits eine größere Lücke. So mußte ich mir wenigstens keine Gedanken mehr darüber machen, möglicherweise andere Läufe zu behindern. Die Kilometer waren vom Orgateam bestens markiert, die Zeit verfliegt. Schließlich führt die Strecke wieder an den schnurgeraden Elbdeich zurück. . Auf der gegenüberliegenden Deichseite der Elbe hatte ich als Schüler viele Jahre gewohnt und etliche Trainingskilometer absolviert.

 

Der alte Leuchtturm taucht auf – aber es ist immer noch der falsche. In der Entfernung jedoch steht der neue Turm, wo sich auch die Ziellinie befindet. Nach etwas mehr als 42 Minuten beenden wir das Rennen auf dem 6. Gesamtplatz. Das Popcorn war mittlerweile alle. Dafür bekommt der Sohn im Ziel nun einen Apfel, der Läufervater einen Becher Wasser. Mit im Rennen war auch Inselläufer Reinhard Brüsch, der in seiner AK 55 auf den 3. Platz kommt. Ein Sturz in den Vorwochen hatte ihm gesundheitlich übel mitgespielt. Nun lief es wieder einigermaßen schmerzfrei. Im Lauf über 5,555 m war zuvor ein weiterer Inselläufer mit dabei gewesen. Björn Grass gewinnt hier seine Altersklasse und sammelte hiermit seine 43. Insel ein. Damit schloß er zum führenden Inselläufer Antonius Steinberg auf, der bereits ebenso viele Inseln erlaufen hat.

 

Der Krautsander Insellauf kann wärmstens weiterempfohlen werden, insbesondere denen, die gerne längere Strecken mit dem Auto unterwegs sind. Man merkt, daß das Orgateam aus einem Erfahrungsschatz von nun 10 Veranstaltungen schöpft. Die Abläufe sind bestens eingespielt. Hektik ist hier ein Fremdwort. Während es am vorangegangenen Wochenende beim Bremern Halbmarathon noch 200 m lange Schlangen bei der Beutelabgabe (!) zu bezwingen gab, glänzt Krautsand mit einer gut durchdachten, familiären Veranstaltung der kurzen Wege. Natürlich sind die beiden Laufevents grundsätzlich unterschiedlich, quasi ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Aber wer auf jubelnde Menschenmassen verzichten kann und das ländliche Naturerlebnis zu schätzen weiß, der kommt zwischen ebensolchen Äpfel- und Birnenplantagen im Kehdinger Land auf der Insel Krautsand ganz auf seine Kosten. Und wer nicht bis nächstes Jahr warten will, dem sei ein anderes sportliches Highlight auf Krautsand nahegelegt. Jeweils am Himmelsfahrttag finden hier auch die internationalen Rasenmähertrecker-Weltmeisterschaften statt…

 

Ergebnisse des Laufes 2007: http://www.klau-mich.info/Krautsand031007.pdf
Infos zu Krautsand: http://www.elbinsel-krautsand.de

 

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Sebastian Lüning, Bürgerwohlsweg 53, 28215 Bremen, Tel. 0421-2428 887