--- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de ---
__________________________________________________________________________________________________

30 hügelige Kilometer über den „Rennsteig“ des Westens:
Der Hermannslauf von Detmold nach Bielefeld
25. April 2004

Mein Bruder wohnt in Bielefeld. Ab und zu joggt er durch die westfälische Wallachei um sich fitzuhalten. Als richtigen „Läufer“ kann man ihn aber eigentlich nicht bezeichnen. Es muß daher wohl etwas bedeuten, wenn sich Leute wie er zu einem Wettlauf anmelden, und dann auch noch gleich über satte 30 Kilometer. Er tat dies ganz freiwillig. Zugegeben, ich habe ihm die Startkarte zu Weihnachten geschenkt, aber natürlich erst nachdem er mir grünes Licht gegeben hatte. Was war also in ihn gefahren?

Wer in Bielefeld zu Hause ist, wird unweigerlich einmal im Jahr in ein Großereignis einbezogen, das mittlerweile Kultstatus erreicht hat und sowohl Teilnehmer als auch Zuschauer magisch in ihren Bann zieht: Der Hermannslauf. Es handelt sich um ein Punkt-zu-Punkt Rennen durch den Teutoburger Wald, vom Hermannsdenkmal in Detmold zur Sparrenburg in Bielefeld. Im Prinzip ähnelt es dem ebenso kultigen Rennsteiglauf stark. Schon gut, ok, man kann das natürlich nicht miteinander vergleichen. Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt, geht es doch zusammengerechnet 700 m runter und 500 m rauf. Und das auch noch in einem besonders schönen Stück Deutschlands. Ich muß es leider zugeben, daß der Teutoburger Wald möglicherweise sogar noch eine Nuance attraktiver ist als das Bremer Flachland bei mir zuhause. Das sahen wohl auch die anderen 10.000 Läufer und Walker so, die sich ebenfalls online auf der Hermannslauf-Internetseite anmeldeten und dann am sonnig-warmen Starttag mit sämtlichen in Westfalen verfügbaren Busse von Bielefeld zum Detmolder Start verfrachtet wurden. Dabei stellte sich heraus, daß eine größere Anzahl der Busfahrer in der Vergangenheit selbst zu den Teilnehmern gezählt hat, so daß ihr Hermann-Fahreinsatz härte-psychologisch wohl mit einem Dienst an Heiligabend gleichzusetzen sein könnte. Mittlerweile glaube ich auch nicht mehr, daß es Zufall war, daß mein Sitznachbar im Bus bereits das zwanzigste Mal am Lauf teilnahm, denn vermutlich gilt das Gleiche für einen Großteil der Teilnehmer. Stichwort Suchtgefahr. Auf jeden Fall hatte sich mein Brüderchen rechtzeitig einige Wochen vor dem Start Wehwehchen an Füßchen und Hälschen besorgt, so daß er dann doch nicht teilnehmen mußte. Durfte ich also alleine ran.

Bereits im Vorfeld des Laufes wurde ich von einem Osnabrücker Laufkollegen ausführlich über die Eigenarten des Hermanns unterrichtet (danke Heiner!). Unter anderem wurde mir aufgetragen, mir auf jeden Fall die Lizenz für die vorderste Startgruppe zu besorgen, da man vom Organisationskommitte als Erststarter automatisch in den hintersten Block eingruppiert wird. Bessere Startgruppen muß man sich beim Hermann grundsätzlich „verdienen“. Zugrundegelegt werden die eigenen Vorjahresergebnisse beim Hermann. Wegen der vielen Wiederholungstäter ist es vermutlich schwer vorstellbar, daß es überhaupt noch jemanden gibt, der keine Vorjahresergebnisse vorzuweisen hat, sprich den Hermann zum ersten mal angeht. Auf Email-Antrag stieg ich schließlich in die Liga der Startgruppe A auf, was mein Ansehen bei der Bielefelder Bevölkerung stark ansteigen ließ, wie ich heraushören konnte.

Und trotzdem gelang es mir noch, einen klassischen Hermanns-Anfängerfehler einzubauen. In der Hoffnung, mich ein bisschen vor dem Start warmlaufen zu können, tippelte ich auf dem angrenzenden Waldhang in der Nähe des Starts ein bisschen hin- und her. Als ich dann 10 Minuten vor dem Startschuß in meinem Block ankam, war der natürlich schon rappelvoll, und dummerweise hatte ich nicht den Mut, mich in die vorderen Bereiche reinzudrängeln. Vermutlich hat das mit meinen Londoner Jahren zu tun, wo sich die vornehme, angelsächsische Warteschlangen-Doktrin in meinem Hirn breitgemacht hatte.

Nach Ertönen des Startschusses passierte also erstmal gar nichts. Ähnlich Berlin, Hamburg, Köln dauerte es eine Minute, bis mein Chip endlich lospiepte. Zunächst ging es auf halsbrecherisch steilem Weg talwärts. In den ersten 3 Minuten gelang mir eine tolle Überholungsquote von 2 Läufern pro Sekunde. Während Engelchen in der rasanten Startphase fortwährend zur Mäßigung mahnte, appellierte Teufelchen an die Ehre und die Ausbügelung des dummen Startaufstellungsfehlers. Das Wortgefecht ging eins zu Null für Teufelchen aus.

Und es war tatsächlich verlockend in diesem frühen Stadium das Tempo unvernünftig hochzuhalten. Bereits im ersten Drittel gab es nämlich Bergaufpassagen, wo die frenetischen Zuschauer in Tour-de-France Manier eine schmale Gasse gebildet hatten und sich lautstark betätigten. Da muß man natürlich erst recht zeigen, was für ein toller Hecht man ist und überholt öffentlichkeitswirksam einfach nochmal ein paar Mitstreiter.

Schnell kristallisierten sich die verschiedenen Begabungen und Taktiken der Kontrahenten heraus. Die Bergabspezialisten rissen an den steilen Talhängen einfach ihre Beine hoch und bretterten zunächst am Feld vorbei. Bergauf wurden sie jedoch meist deutlich langsamer und mußten insbesondere im letzten Streckenabschnitt sogar Gehpassagen einlegen. Und ich spreche hier nicht von den Gelegenheitsjoggern sondern von der Top-25 Spitzengruppe. Dadurch daß die Bergauf- und Geradeausspezialisten ihren Rückstand bei den Anstiegen regelmäßig wieder aufholen konnten, entstand eine Art Zieharmonika-Bewegung im Feld, so daß man in der Regel mehr als einmal aufeinander traf und sich dann mit einigen Laufkollegen erneut auseinanderzusetzen hatte.

Nach dem anfänglichen Geschwindigkeitsrausch meldeten sich dann etwa bei der Hälfte des Rennens meine Waden zu Wort. An die vielen Bergpassagen waren sie einfach nicht gewöhnt. Der höchste Berg Bremens übersteigt kaum ein paar Meter, wenn man mal den Müllberg ausklammert. Selbst fünf Tage nach dem Rennen waren die Bein-Muskeln noch dermaßen übellaunig, daß lediglich Entengewatschele möglich war; an Training war jedenfalls nicht im Entferntesten zu denken.

Das Rennen ging in seine Endphase. Acht Kilometer vor dem Ziel ging dann allmählich der Sprit aus. Die Devise lautete „Ankommen“. Einige Zuschauer zählten auf den letzten Kilometern bereits laut die Platzierungen, so daß ich einigermaßen um meine Position im Rennen wußte. Zufrieden und erschöpft trabte ich schließlich etwa auf dem 21. Rang liegend mit einer Zeit von ca. 1h 57 min 18 sec an der Sparrenburg ins Ziel. Ich hatte den Hermann geschafft, oder lieber andersherum, er mich.

Der Hermann ist kein normales Rennen, das man einfach so abhakt. Die Vielzahl der Eindrücke beschäftigten mich noch Tage danach. Und es stimmt wirklich; der magische Anziehungskraft des Hermanns kann man sich schwer entziehen. Stichwort Suchtgefahr!

_____________________________________________________________________________________________

zurück zu insellaeufer.de


Anregungen, Ergänzungen und Korrekturen bitte an meine Emailadresse Sebastian.Luning@gmx.net
Sebastian Lüning, Bürgerwohlsweg 53, 28215 Bremen, Tel. 0421-2428 887