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Durch Oberland und Unterland rund um Helgoland:
Der Helgolandmarathon 2004
8. Mai 2004

Ergebnisliste auf helgolandmarathon.de

Helgoland ist Deutschlands einzige Hochseeinsel, was bedeutet, daß es im Gegensatz zur Vielzahl langgezogener, küstennaher Sandhaufen in Nord- und Ostsee ziemlich weit vom Festland entfernt liegt. In der Sommersaison zieht Helgoland Tag für Tag ein halbes bis zwei tausend Besucher an. Zur Ankurbelung der insulären Wirtschaft, herrscht auf Helgoland für ausgewählte Produktgruppen Zollfreiheit, was neben Naturliebhabern und Frischluftatmern auch jede Menge Geldsparer auf die weißen Seebäderschiffe in Cuxhaven, Bremerhaven, Wilhelmshaven, Norderney oder Büsum, treibt. Allerdings könnten bei Fahrtantritt nur wenige Fahrgäste genauer angeben, wo die Insel Helgoland eigentlich auf der Landkarte zu suchen wäre. Typische Antworten wären etwa „5 Bier und 2 Bratwürste nordwestlich von Cuxhaven“ oder „geradeaus bis zur Parfümwolke, gegenüber der Tiefkühlbutter dann links abbiegen, dann immer weiter bis zum Fuselfelsen“.

Aber halt. Helgoland hat natürlich viel mehr zu bieten als nur billige Fluppen und gigantische Milka-Schokoladen. Der rote Sandstein mit seinen grünlichen Zwischenlagen erzeugt aufregende Steilwände und Felsklippen, auf denen seltene Vogelarten bei faszinieremdem Gekreische ihre Sommermonate verbringen. Meer, Luft und Wetter können auf Helgoland weitaus intensiver erlebt werden als anderswo. Der fehlende Autoverkehr besänftigt Lungen und Nerven. Die kurzen Wege provozieren spontane, hochfrequente soziale Aktivitäten. Der alljährliche Helgoland-Marathon fällt in dieses positive, familiär-naturbetonte Ambiente. Jeweils im Mai treffen sich einige hundert Laufbegeisterte auf der Insel, um die Insel viermal zu umrunden, was genau der Marathonstreckenlänge entspricht. Wettertechnisch hat es in der Geschichte des Laufes bislang alles gegeben was Petrus in seinem Repertoir aufzubieten hat, vom Regensturm bis Südseesonnenschein.

Nachdem ich im Vorjahr wegen Verletzungspause nur eine Testrunde im Rahmen des Helgolandmarathons absolvieren konnte (siehe Bericht 2003), hatten meine Beine und Füße in diesem Jahr einigermaßen gehalten. Die Zeichen standen also gut, den Lauf endlich einmal zu finishen. Trainingsmäßig war ich mit 60 km/Woche sowie einigen langen Läufen im Prinzip ganz ordentlich vorbereitet. Wenn da nur nicht die zwei Wochen Libyen direkt vor dem Lauf gewesen wären... Meine Lieblings-Laufstrecken in diesem nordafrikanischen Land waren ein luftverpesteter Autobahnseitenstreifen in der Hauptstadt Tripolis sowie der Außenrand eines Swimmingpools in einem Ölarbeiter-Camp in der Mitte der Sahara. Aber wir Läufer sind ja bescheiden, zur Not hüpfen wir halt 40 Minuten auf der Stelle um unser tägliches Trainingssoll zu erfüllen.

Aus Libyen zurückgekehrt, wurden die Koffer schnell um- und die Familie eingepackt, und ab gings nach Cuxhaven, von wo uns ein Düsenboot in rasanter Fahrt über die regnerische Nordsee zum Roten Felsen brachte. Die Kurverwaltung hatte uns dankenswerterweise in das gleiche Hotel wie im Vorjahr gesteckt. Zwar reichte das warme Duschwasser immer nur für eine Person und von Zeit zu Zeit diffundierten Rauschschwaden durch die Wand aus dem Nachbarzimmer herüber, aber das Zimmer war dafür nahe der Landungsbrücke gelegen, also an ideal an Start/Ziel des großen bevorstehenden Laufes.

Nach Abholung der Startunterlagen am Vorabend des Marathons begann der Countdown. Die Startnummer hundertsechsundneunzig befestigte ich gleich an meinem ärmellosen Vereinstrikot. Die Nacht vor dem Start verlief weitgehend ereignislos, abgesehen vom halbstündlich mit sich selbst hadernden Kleinbaby im Elternbett. Der graue, windig-kühle Marathomorgen brach an. Nach einem Blick aus dem Fenster riß ich ersteinmal die Startnummer wieder vom Trikot ab und pinnte sie auf die winddichte Laufjacke. Denn wer will schon 42 Kilometer lang frieren? Noch 10 Minuten bis zum Start. Naja, so kalt ist es eigentlich doch gar nicht. Also die Nummer erneut abgerissen und auf ein halbärmeliges Shirt geklebt. Das mußte jetzt aber passen.

Eingelaufen war ich zum Teil schon in unserem Hotelzimmer. Das aus Ehefrau und anderthalbjährigem Sohn bestehende Supportteam war nämlich noch nicht bereit zum Aufbruch, sollte mir aber beim Start noch diverse Sachen abnehmen. Und ich mußte ihnen vor Ort auch noch wichtige Instruktionen zur Isostar-Reichung in jeder Runde geben. Zwar gab es auf der Strecke jede Menge offizielle Verpflegungsstände (Wasser, Cola und ein ominöser „Mineraldrink“ mit verdächtig gelber Farbe), die ich auch regelmäßig nutzte, aber den Luxus des eigenen Isostars wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Startschuß. Bremen-Nord Clubkamerad Frank Themsen sorgte gleich einmal für ein passendes Tempo, das ich mir zunächst aus sicherer Entfernung anguckte, mich dann aber entschloß ihm Gesellschaft zu leisten. In flotter,lockerer Fahrt zirkelten wir zweieinhalb Runden in trauter Eintracht um das Eiland. Die eine oder andere Anekdote konnte ausgetauscht werden, ab und zu gab es technische Tips, wie man gewisse Holperstrecken oder engwinklige Ecken bei voller Fahrt am besten angehen sollte. So verging die Zeit wie im Fluge.

Im Wellensturzbecken im Südteil der Insel hatte sich diesmal eine Horde von Cowgirls aufgebaut. Noch im Vorjahr gab es hier Stewardessen, die aber augenscheinlich nun sämtlichst auf Kuhpflege umgeschult hatten. Vielleicht waren es die wilden Outfits, die dazu führten, daß ich gleich dreimal meinen Cowboydrink verpaßte. Beim ersten mal griff ich ins Leere, beim zweiten mal knallte ich mit einem Fotografen zusammen und beim dritten mal kam ich nur in Reichweite von Gouda-Würfeln und Würstchen, die ich aber dann doch lieber liegenließ. Ein Glück, daß ich ein Stückchen später mein persönliches Isostarteam platziert hatte.

Im ersten Drittel jeder Runde galt es in das Oberland aufzusteigen, über den sogenannten „Düsenjägerweg“. Leider merkte ich am Düsenjäger in der dritten von vier Runden allmählich, daß meine Düsenpower weniger wurde. Also ließ ich den Laufgenossen Frank alleine vorweg sprinten, während ich mich erstmal ums Aufladen meiner Batterie kümmerte. Auch bei gedrosseltem Tempo wollte aber niemand meine zweite Position übernehmen, so daß ich erschöpft ganz alleine vor mich hin hoppelte.

Ein guter Punkt zur Ermittelung des eigenen Vorsprungs bzw. Rückstands ist eine lange Mole im Südhafen, auf der im Wendepunktverfahren gelaufen wird. Hier trifft man auf der Rückpassage unweigerlich auf seine hinter einem laufenden Konkurrenten und weiß daher ziemlich genau, wie es um einen steht. Auch die verschiedenen Reaktionen der Mitstreiter sind interessant. Während einige freundlich grüßen und lustige Zeichen geben bzw. einen abklatschen, zucken andere mit keiner Wimper und widmen sich ganz ihrem sportlichen Tun. Besonders gefreut hat mich der Applaus und die aufmunternden Worte von überrundeten Läufern, die sich ja eigentlich selber genauso wie wir abquälen mußten – und das auch noch deutlich länger als die Spitzengruppe, die ja nach knapp drei Stunden bereits wieder unter der warmen Dusche stand. Danke Leute!

Zwei Kilometer vor dem Ziel zischte dann von hinten eine Düsenjägerrakete an mir vorbei. So erschien es mir jedenfalls, vielleicht war ich auch nur stehend k.o. und Volker Krajenski lief Normaltempo. Nun, alles ist relativ. Auch mit dem dritten Platz wäre ich natürlich mehr als zufrieden gewesen. Aber das vorher nicht Geglaubte geschah, auch der führende Frank Themsen wurde noch ein Opfer der Rakete, so daß sich sein schon sicher gegelaubter Sieg in frische Helgoländer Luft auflöste. Das muß jede Menge Psycho-Power gekostet haben, denn ein Kilometer vor dem Ziel konnte auch ich Frank noch passieren und erreichte auf meinem lange gehaltenen, zweiten Platz glücklich-erschöpft das Ziel. Ein spannendes Rennen. Zwei Heißsporne laufen sich übermütig 40 km lang kaputt, um dann kurz vor Schluß von der Mutter Vernunft überholt zu werden. Man könnte nun hoffen, daß man hieraus etwas lernen könnte. Aber spontanes Rennen aus dem Bauch heraus macht halt viel mehr Spaß. Und manchmal, ja manchmal hält man das Tempo auch bis zum Schluß durch und dann ergibt das in der Regel tolle Zeiten und Platzierungen...

Die Siegerehrung am Abend lief ganz nach meinem Geschmack. Gleich dreimal wurde ich auf die Bühne gerufen, um Pokale für den 2. Gesamtplatz, den 1. Altersklassenplatz sowie den 1. Mannschaftsplatz entgegenzunehmen. Mit all diesen Pokalen gefüllt, war dann aber auch die Reisetasche überaus voll bei der Rückreise. Deswegen bin ich im Nachhinein ganz dankbar darüber, daß die Organisatoren nicht wußten, daß sie einen echten, aber vor Urzeiten ausgewanderten Helgoländer vor sich hatten. Den hätten sie natürlich noch eimerweise mit Pokalen und Zusatzgeschenken für „Bester Helgoländer...“ überschüttet, keine Frage. Jeglichen hierfür nutzbaren Platz im Gepäck hatte die Ehefrau aber wohlweißlich schon vor dem Rennen mit einem halben Kubikmeter Kosmetika in Beschlag genommen.

Der Helgoland-Marathon 2004 war von der Organisation und Stimmung wieder ein voller Erfolg. Ein Dank an die Organisatoren und vielen Helfer. Eine der besten Tagesleistungen erreichte neben Volker Krajenski und der Damen-Siegerin Silja Rohlfing wohl Siegfried Konjack, der einen 6-stündigen Moderationsmarathon im Ziel souverän durchhielt und bereits am Abend wieder vollständig erholt und unverletzt zur Fortsetzung antrat.

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Lesetip: Wer mehr über Landschaftsläufe wie den Helgoland-Marathon lesen will, sollte mal bei Marathon & mehr vorbeischauen: www.marathon-und-mehr.de
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