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Eisig schön:

Der Duisburger Rhein-Ruhr-Marathon
30. April 2006

Von Sebastian Lüning
in Zusammenarbeit mit Eckhard König

Marathon, das ist erstmal eine riesige Logistikschlacht. Da wird einer der größten Vorteile des Laufens, die Einfachheit, schnell ins Gegenteil verkehrt. Für ein 10 km Straßenrennen brauche ich nur drei Sachen: Turnschuhe, kurze Hose, T-Shirt, fertig. Wenn es dann nicht gut gelaufen ist, versuch ich es am folgenden Wochenende erneut. Beim Marathon geht das bekanntlich nicht. Man hat zwei Schüsse pro Jahr (es sei denn der Nachname fängt mit T an und hört mit hemsen auf), und die müssen einfach sitzen. Entsprechend ist also die Vorbereitung. Alles wird generalstabsmäßig durchgeplant, nichts dem Zufall überlassen. Brustwarzenpflaster gegen die beiden hässlichen roten Punkte auf dem T-Shirt wo die Frau immer schimpft, Nasenpflaster für verbesserten Sauerstoffinput, Vaseline für die Schenkel-Scheuerstelle, Isostar für die Stunde vor dem Rennen. Aus dem Internet ziehen wir Listen mit sekundengenauen Zwischenzeiten, ein Lauffahrplan vor dem die Deutsche Bahn AG in Ehrfurcht erstarren würde. Fein säuberlich werden die Zahlenkolonnen mit schwarzem Edding auf den Arm tätowiert. Denn eins ist klar: Einfach loslaufen und das Tempo spielerisch erkunden endet zwangsläufig im Unglück. Der Plan ist Chef und der Chef hat immer recht.

In diesem Sinne hatte sich auch unsere Bremer Läuferschar gewissenhaft in die Marathonvorbereitungen gestürzt. Der Duisburger Rhein-Ruhr-Marathon sollte es mal wieder sein. Eine professionell organisierte Veranstaltung mit Charme. Der Kurs bietet von allem etwas: helle Stadt, grünes Land und blauen Fluss. Bei dreitausend Marathonis bleibt auf der Strecke genügend Platz zum atmen und überholen bzw. überholt werden. Aus Ermangelung hoher Preisgelder geht es auch im vorderen Bereich des Feldes geruhsamer zu. Hier laufen echte Feierabendsportler gegeneinander. Auch das muß es irgendwo geben. Welcher Zuschauer möchte im Ziel schon eine halbe Stunde auf den nächstbesten Läufer warten, wenn der Keniaexpress erstmal angekommen ist?

Im geräumigen Reisebus ging es einen Tag vor dem Rennen von der Weser an die Ruhr. Es war schon ziemlich praktisch, die ganze Reise war dankenswerterweise von Claudia Wehlau bis ins kleinste sorgsam vorbereitet worden. Man musste nur noch rechtzeitig an der Haltestelle stehen und einsteigen. Aber auch das war für mich scheinbar schon zu schwierig, und ich hätte den Bus um ein Haar verpasst. In Duisburg angekommen dann Bezug der geräumigen Suiten im Etap-Automatenhotel. Dann zur Eishalle, Startnummer abholen, Werbezettel einsammeln, Cafe schlürfen, von der Tribüne verjagt werden. Im Anschluss ein großes Schlemmerbuffet, Wein, Lachs und Tiramisu. Genau was ein Marathonläufer vor einem Rennen so braucht. Lecker lecker. Leider nicht für mich. Stehen doch die vermalledeihten Kohlenhydrate exklusiv auf meinem Speiseplan, und das bereits seit drei Tagen. Lecker lecker. Immerhin weiß ich jetzt, dass Joghurt ein ziemlich nutzloses Nahrungsmittel ist. Denn es passt weder in die drei Eiweiß-Fett-Tage zu Beginn der Woche, noch in die drei daran anschließenden Kohlenhydrat-Tage. Zu blöd. Die Sonne geht unter, die Kohlendhydratdepots sind nunmehr prall gefüllt. Das Rennen kann kommen.

Der Marathonmorgen bricht an. Bereits um sechs Uhr in der Früh hat sich die 25-köpfige Bremer Läuferschar und alle anderen Marathonhotelgäste auf 15 Quadratmetern im geräumigen Restaurant des Etap-Hotels eingefunden. Toast ohne Butter, Iso statt Orangensaft, den Schinken - ach lieber nicht. Lecker lecker. Eckhard ist auch schon wach und jongliert seine drei Mini-Honigtöpfe mutig durch das Frühstückschaos. Er hat großes vor an diesem Tag. Will er doch heute die sagenumwobene Dreistundenbarriere unterbieten. Dafür hat er die letzten Monate gearbeitet. Hat sich in Unkosten gestürzt, einen Greif-Trainingplan machen lassen und lief mehr als 100 km pro Woche. Abschließend unterzog er sich dann auch noch den Strapazen einer 5-Sterne Türkei-Trainings-Reise, wo er in zwei Wochen über 360 km getrieben wurde. Immer schön langsam aber stetig dem Ziel Duisburg entgegen. Neben ihm im Etap sitzt an diesem Morgen Markus, mein Zimmergenosse. Auch er gut vorbereitet. Wäre da nicht... Davon später mehr. Zusammen waren wir drei die Titelverteidiger in der Duisburger Marathon-Mannschaftswertung. Und da wollten wir dieses Jahr natürlich nicht allzu blöd aussehen. Auch ich hatte ein Ziel, nämlich ebenso wie Eckhard meine persönliche Bestzeit zu attackieren. Im Vorjahr war die erste Marathon-Hälfte deutlich zu schnell gewesen, nun mußte ein gleichmäßiger Rennverlauf her.

Auf dem Weg zum Start ließ ich große Mengen Isostar meine Kehle herunter rinnen. Könnte man ja eventuell später mal brauchen. Aber doch nicht gleich einen ganzen halben Liter. Ehrlich gesagt, ich wäre nur ungern Baum oder Busch in der Nähe des Startplatzes gewesen. Gegen 9.15 Uhr dann der Startschuss Schnell zieht sich das Feld in die Länge. Es ist kühl aber zunächst trocken. Im Kilometerrhythmus lese ich vom tätowierten Arm meinen Fahrplan ab. Auf den ersten 5 Kilometern bildet sich ein einminütiges Zeitpolster heraus. Das ist noch ok, aber mehr darf es auch nicht werden. Ein Jahr ist vergangen und das Läuferhirn seitdem kräftig gewachsen. Ja es gibt sie wirklich, die zweite Marathonhälfte. Zwischen Kilometer 20-25 gehen eiskalte Regenschauer nieder. Die Hände erstarren, nur die Abwärme des Läufermotors verhindert den sicheren Kältetod. Ein Verpflegungsstand. Unzählige Hände reichen einem Wasser und Isogetränke entgegen. Gehandicapped durch die kältegestörte Greiffunktion (nein nein, hat nichts mit greif.de zu tun), landet der erste Becher krachend auf dem Asphalt. Auch der zweite Becher erleidet das gleiche Schicksal. Erheiterndes Mitleid im Serviceteam, immerhin die Banane konnte der Läufer noch erwischen. Die Polsterminute bleibt stabil. Die Hammergrenze bei km 31 bleibt aus. Die Kräfte schwinden zwar allmählich, aber die Speed bleibt konstant. Überholung eines Mitstreiters. Ja ja ja. Auf den letzten drei Kilometern muss dann aber doch die Streitaxt ausgepackt werden. Der Kampf beginnt. Psychophase. Das ist ja nur so weit wie von.... Was für eine Zeit wird das wohl geben? Lohnt es sich noch zu beißen, oder ist die Wunschzeit sowieso schon außer Reichweite? Die Lichtermasten des Stadions kommen in Sichtweite. Ein Sprung durch den fetzigen Discotunnel - ach wie doof, noch fast einmal um den Rasen rum. Und dann Ende. Piep, piep, auch der Championchip macht Feierabend, fünfter Platz (2. in der Altersklasse), persönliche Bestzeit um 2 Minuten auf 2:35 verbessert, Medaille um den Hals, Plastikdecke. Apfelschorle reingekippt und zehn Minuten lang die Beine durchkneten lassen. Urplötzlich kriecht die Kälte durch den Körper. Zum Bus gehumpelt, nasse Sachen aus, 6 Schichten trockene Klamotten an. Nächster Gedanke: Und die Bremischen Mitstreiter? Also zurückgehumpelt. Eckhard hat es wirklich geschafft: Er knackt deutlich die Dreistundenmarke. 2:58:05 Platz 62 katapultieren ihn auch in der Alterklassenwertung steil nach oben (Platz 7). Auch Markus mit 2:56 deutlich unter 3 Stunden Platz 50, AK 11). Aber er könnte eigentlich eine Viertelstunde schneller, das wissen wir alle. Stattdessen hatte er mit Magenproblemen zu kämpfen, hielt aber wacker durch bis zum Ende - für die Nord-Bremer Mannschaft. Das ist Team Spirit. Und als Dank gab es dann hierfür den dritten Mannschaftsplatz in diesem Jahr. Und ein paar kurze Söckchen. Mit 2:54 lieferte auch der vereinslose Bremer Robert Gaida ein Klasserennen ab, das ihn auf Gesamtplatz 42 (AK 11) ankommen ließ. Welcher Club wird ihn wohl an sich binden können? Wie viel kostet er? Aus Bremer Sicht gab es noch viele weitere gute Resultate:

Im Marathon liefen :
Norbert Mucha 3:09:21 (Platz 142-Altersklasse 8); Roman Meinen 3:18:30 (239-18); Mike Schultzen 3:22:14 (277-68); Frank Brocksieper 3:49:14 (885-244); Jens Seiferth 3:51:13 (923-251); Jens Mickeleit 3:55:30.

Beim Halbmarathon waren dan auch die ersten Damen zu finden:
Daniel Witt 1:25:18 (54-9); Bernado Bernal Reyes 1:28:50 (88-6); Jörg Heppner 1:36:46 (239-52); Thomas Bergmann 1:50:38 (800-178); Anja Zeffler 1:53:50 (112-17); Annette Ahting 1:58:50 (231-55); Thomas von Bloh 1:59:02 (1216-247); Daniela Muscheid 2:05:07 (349-78).

Zu guter Letzt waren auch noch 2 Skater mit auf Tour:
Claudia Wehlau 2:31:01 (141-61); Thomas Arensmann 2:33:36 (447-169)

Insgesamt also wieder einmal ein recht erfolgreicher Ausflug der Hansestädter in den Westen der Republik. An Treppensteigen war zwar in den ersten Tagen nach dem Marathon nicht zu denken, dafür beginnt bereits der Schlachtplan für den Bremer swb-Marathon Ende September im Kopf des einen oder anderen zu reifen. Bleibt gesund und wir sehen uns frisch ausgeruht an der Weser in einigen Monaten!

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