--- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de --- Insellaeufer.de ---
__________________________________________________________________________________________________

Schimmis schwerster Fall: Massenverfolgungsjagd rund um Duisburg

22. Rhein-Ruhr Marathon, Duisburg, 5. Juni 2005

Von Sebastian Lüning

Hand aufs Herz: Was fällt einem so auf Anhieb zu Duisburg ein? Es liegt irgendwo versteckt zwischen Autobahnen im Ruhrgebiet. Randlich geht es nahtlos in Oberhausen, Essen, Bottrop, Bochum, Schalke und wie sie nicht alle heißen über. Aber vor allem: In Duisburg wohnt Schimmi. Und wäre Schimmi nicht so versoffen und noch nicht in Rente, dann hätte er möglicherweise am Wochenende an der größten Verfolgungsjagd des Jahres in der Stadt teilgenommen. Versteckt im Besenwagen ermittelte die Kripo Duisburg nämlich diesmal gegen mehr als fünftausendfünfhundert Verdächtige, die sich als Marathon- und Halbmarathonläufer sowie als Rollschuhfahrer getarnt hatten. Die Jagd ging kreuz und quer durch Duisburg, über Rhein und Ruhr, über Flohmärkte und Hafenanlagen, Brücke rauf, Brücke runter, mal gegen - mal mit dem Wind.

Erst nach mehreren Stunden gingen den Ordnungshütern die Fische dann einer nach dem anderen ins Netz. Unter Anwendung einer Variante der bewährten Rattenfänger-von-Hameln-Taktik wurden die Flüchtigen in die neue MSV-Arena gelockt, wo dann die Falle zuschnappte. Um ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken wurde den Festgenommenen hier zunächst ein schweres Metallstück um den Hals gehängt. Anschließend wurden die Verdächtigen auf Liegen transferiert, wo ihnen die Beine systematisch nach versteckten Waffen abgetastet wurden. Wie aus Polizeikreisen zu erfahren war, ließ sich der Verdacht einer Straftat jedoch letztendlich nicht erhärten, so daß alle fünftausendfünfhundert Verdächtigen am Ende wieder auf freien Fuß gesetzt werden mußten. „So ne Panne ist durchaus mal drin“ teilte der Vorruheständler Schimmi am Abend telefonisch mit und nahm seine Kollegen ausnahmsweise einmal in Schutz.

Aus Sicht der Läufer stellt sich die Sache natürlich ganz anders dar. Der 22. Rhein-Ruhr-Marathon hatte eingeladen. Und das hatte sich bis ganz nach Bremen herumgesprochen. Eckhard König, Training Manager der Johann A. Krause Maschinenfabrik in Bremen-Nord, beschloss die firmeninternen Fortbildungsmaßnahmen durch eine sportliche Komponente zu erweitern – und meldete eines Tages einfach zwanzig seiner Kollegen und Kolleginnen beim Marathon an. Hocherfreut begannen diese daraufhin mit ihrem mehrmonatigen, intensiven Lauftraining. Nur einem Kollegen mußte erst gewaltsam der Frisbee entzogen werden, bis er sich schließlich auch in sein Schicksal ergab. Kurzerhand verpflichtete Eckhard zudem noch zwei Laufkollegen seines heimatlichen Laufvereins LG Bremen-Nord. Diese beiden hatten nämlich bereits mehrere Marathons bis zum Ende hinter sich gebracht und ihre Aufgabe war es, der Krausemannschaft Mut zuzureden.

Anreise nach Duisburg am Vortag des Marathons. Stilecht kamen am Abend auf der Thyssen-Krupp-Spezialmarathonparty im VIP-Bereich der neuen MSV-Arena zahlreiche Pasta-Genüsse auf den Tisch. Und Wein. Und schön fettiger Lachs. Und Bier. Und lecker Pudding. Hmm. Marathon, ich komme.

Marathonmorgen. Der Himmel grau in grau. Regenwolken hängen über der Stadt. Aber um es vorweg zu nehmen: Petrus muß wohl ein Läufer sein, denn er konnte seine Himmelsblase bis fast zum Ende des Marathons einhalten. Die Temperaturen angenehm, nicht zu kühl und nicht zu warm. Auch der Wind hielt sich in Grenzen, so daß optimale Laufbedingungen vorlagen. Im Startbereich schlich sich bereits der aus Funk-und Fernsehen bekannte, als Clown verkleidete Marathon-Franzose warm, der bei allen größeren Laufevents dabei ist und zum festen Inventar der Marathonszene zu zählen ist. Endlich einmal eine Chance für den Schreiber ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Und eine neue Erkenntnis zu sammeln: Das Baguette, das er mit sich herumträgt, ist aus PLASTIK! Iiihhh. Bei der Startaufstellung stellt der Sprecher die Favoriten des Rennens vor. In weiser Vorahnung erwähnt er die Möglichkeit, das sich möglicherweise nicht alle Schnellläufer vorher zu erkennen gegeben haben.

Und da hatte er teilweise recht. Denn ich, der Schreiber, hatte mich gewissenhaft auf den Lauf vorbereitet und war bereit zuzuschlagen. Nicht umsonst hatte ich kürzlich meine Trainingsrunden auch fernab der Heimat nicht ausgesetzt. Dabei sammelte ich u.a. neun Trainingskilometer in der überhitzten und unbelaufbaren Innenstadt von Ankara, und eine einstündige Tempolaufeinheit auf einer nordalgerischen Rundbahn, die in der Mitte mit einem Tor verschlossen war, so daß man nur hin-und herpendeln konnte. Und dann waren da noch die 25 Kilometer, als ich mich im Weserbergland im Wald verlaufen hatte, wobei ich nur 10 Kilometer eingeplant hatte. Die vorletzte Woche vor dem Rennen fuhr ich mein 70 km/Woche-Training dann wegen Stichen im linken Fuß ausdauernd auf Null runter.

Da stand ich also an der Startlinie. Gewissenhaft hatte ich mir meine Zwischenzeiten ausgerechnet und mit Edding auf den Arm tätowiert. Danke nochmal für den Stift, Markus. Es sollte ein Lauf wie bei einem Uhrwerk werden. Tick, tick, tick. Eine einheitliche Geschwindigkeit von Anfang bis Ende. Das ist das physiologisch Optimale. Das weiß ja jeder. Zwei Stunden 45 Minuten sollten es also werden, was einem Kilometerschnitt von 3:55 min entspricht. Der Startschuß fällt. Es bildet sich eine kleine Spitzengruppe heraus. Da kann ich mich ein bisschen ziehen lassen. Der erste Kilometer in 3:30 min. Ok, das war die Anfangsaufregung. Der zweite, dritte, vierte Kilometer: Immer noch 3:30 min. Das Tick-tick-tick-Konzept war bereits gescheitert. Aber ein Zurück gab es auch nicht mehr. Also Augen zu und weiter. Die Spitze dünnte sich aus. Und plötzlich war ich alleine. Hatten die anderen möglicherweise auch Lauffahrpläne auf ihren Armen, waren aber konsequenter in ihrer Einhaltung als ich selbst? Ich blieb also alleine und machte mir allmählich Sorgen. Die Halbmarathonmarke erreichte ich in 1:16h, was dummerweise auch meiner Bestmarke auf dieser Strecke entspricht. Aber es lief sich heute so locker, also Augen nach vorne und weiter.

Vor mir ein Pulk von Begleitfahrzeugen. So etwas kannte ich bisher nur von der Tour de France. Aus einer fahrenden Uhr vor mir ertönte ab und an ein Sprecher, der mich den Zuschauern an der Strecke ankündigte. Mittlerweile kannte ich meinen Namen schon auswendig, so oft wiederholten sich die Ansagen. Ganz besonderen Spaß machte es zu hören, wenn der Ansager das erste Fahrzeug aufgeregt zu mehr Eile aufrief. Es hat schon etwas, ein paar Autos vor sich herzuscheuchen, die sich Sorgen machten, daß ich in Kürze hinten mit ihnen kollidieren könnte. Ab und an kamen Offizielle auf Fahrrädern vorbei und erkundigten sich nach dem werten Befinden. Ich war ehrlich und sagte ihnen, daß ich irgendwann hinten wohl prima einbrechen werden würde und sich die hinter mir befindlichen Läufer wegen ihrer Platzierung keine Sorgen machen müßten, da sie mich dann ja locker überjoggen könnten. Und zwischen Kilometer 25-30 ging dann auch wirklich allmählich der Sprit aus. Ich schaltete einen Gang herunter und wartete dringend darauf, daß man mich vorne ablöste. Dankenswerterweise erbarmte sich dann auch Volker Dorn, der spätere Sieger und löste mich ab. Ich joggte weiter dem Ziel entgegen, völlig klar daß gleich eine Fünfer- oder Zehnergruppe vorbeiziehen könnte. Vielleicht schaffe ich noch eine neue persönliche Bestmarke, dachte ich mir zum Trost. Und seltsamerweise zog dann aber niemand mehr vorbei – und es wurde in der Tat eine neue persönliche Bestmarke.

Auf niedrigerem Niveau stabilisiert lief ich erleichtert durch das Marathontor der attraktiven MSV-Arena. Mit einer Endzeit von 2.37:19 hatte ich meine Bestmarke vom letztjährigen Helgolandmarathon um fast zehn Minuten unterboten. Freude. Und weitere Freude stellte sich im Ziel ein, als ich die Video-Kameratechnik der Dokumentarfilmkonkurrenz im Zielbereich ausspionierte und feststellte, daß meine neue Videoproduktionsfirma seven-continents.de ähnlich ausgestattet ist. Und noch mehr Freude machten mir meine LG Bremen-Nord Mannschaftskollegen Markus Ast (2:59:06, 40. Gesamtplatz) und Eckhard König (3:08:45, 79. Gesamtplatz). Zusammen schafften wir den Marathon-Mannschaftssieg, noch vor den favorisierten Duisburgern. Unseren Sieg widmen wir selbstredend dem frischvermählten LG Bremen-Nord Paar Frank und Tanja Themsen. Denn nach mehrwöchigem und schmerzhaftem hin- und her überlegen mußte Vereinskamerad und Marathon-Man Themsen seine Mitwirkung am Duisburg-Marathon absagen und entschied sich stattdessen dann doch dazu, an seinen eigenen Hochzeitsfeierlichkeiten teilzunehmen. Frank, wir haben es für Dich getan! Ehrlich! Unser verspätetes Hochzeitsgeschenk!

Für die guten Platzierungen ließen sich die Duisburger Veranstalter nicht lumpen. Es gab (1.) einen Pokal, der auch zwei Tage nach der Veranstaltung noch immer bei uns im Wohnzimmer stehen darf. Das ist ungewöhnlich und hat möglicherweise damit zu tun, daß ich (2.) einen schicken Blumenstrauß bekam, den ich am Abend an die Frau Gemahlin weiterreichte, worauf jene sich superklasse freute. Und dann gab es noch (3.) einen Rucksack, wo man Pokal und Blumen drin versenken konnte. Und zu allem Überfluß noch (4.) einen Umschlag mit buntem Papier, von dem man zum Beispiel das Paar Laufschuhe ersetzen könnte, das man soeben rund um Duisburg verbraucht hatte.

Mittlerweile bin ich auch gar nicht mehr so sicher, was für ein Training-Manager Eckhard eigentlich ist, ob es da um fachliche Weiterbildung oder vielleicht doch den hauptamtlichen Vorsitz beim firmeneigenen Fitnessclub geht. Denn aus Eckhards Firmenmannschaft sind gleich drei Läufer unter 3:10h ins Ziel gekommen. Und damit erreichte er zusammen mit Jens Dorlöchter (2:59:06, 41. Gesamtplatz) und Robert Gaida (3:02:55, 57. Gesamtplatz) den dritten Platz in der Firmen-Mannschaftswertung. Und auch die übrigen Krause-Starter und -Starterinnen erreichten noch Klasse Zeiten im Marathon, Halbmarathon und im Inlinerwettbewerb. Es gibt große Lauftreffs und sogar ganze Vereine, wo solche Zeiten nicht annähernd erreicht werden, ganz zu schweigen von dieser Leistungsbreite.

Die Erinnerung an Duisburg lebt weiter. Insbesondere weil ich mich auch zwei Tage nach der Veranstaltung noch im Cowboy-Gang und mit muskelkaterschmerzverzerrtem Gesicht die Treppen rauf- und runterquäle. Trotzdem geht der Blick nach vorne. Der Bremen-Marathon findet in ein paar Monaten statt und wirft seine Schatten voraus. Als Bremer Bürger ist es jederfraus und jedermanns Pflicht dort teilzunehmen. Und da muß man gut aussehen, weil einen hier doch so einige kennen. Auf jeden Fall vorher zum Friseur, was ich vor Duisburg nicht mehr geschafft hatte…

 

Weitere Nord-Bremer Krause Ergebnisse (Gesamtplatz, Alterklassenplatz):

Marathon : Norbert Mucha (145,10)- 3:16:58; Roman Meinen (257,27)- 3:28:52; Maik Schultzen (335,35)- 3:34:31; Jens Seiferth (728,196)- 3:59:54; Jens Kunze (826,177)- 4:10:07; Michael Klös (1017,127)-4:28:47.

Halbmarathon : Bernado Bernal Reyes (73,10)- 1:27:56; Thomas Bergmann (630,141)- 1:46:11; Marcel Sievert (949,100)- 1:52:36 ; Anja Zeffler (377,55)- 2:07:55; Daniela Muscheid (394,95)- 2:08:59.

Skater : Wolfgang Behling (242,35)- 1:38:05; Thomas Krause (273,118)- 1:40:52; Wilhelm Vix (413,125)- 1:47:39; Kai Schreiber (667,61)- 2:31:24; Thomas Arensmann (669,216)-2:35:55; Solveig Kiefer (124,61)- 1:55:52; Annette Ahting (167,82)- 2:04:25.

Alle Zeiten sind Nettozeiten,

 

_____________________________________________________________________________________________

zurück zu insellaeufer.de


Anregungen, Ergänzungen und Korrekturen bitte an meine Emailadresse Sebastian.Luning@gmx.net
Sebastian Lüning, Bürgerwohlsweg 53, 28215 Bremen, Tel. 0421-2428 887